Ägypten Ein turbulenter Sommer

Kairo: Der Ägyptischer Aktienmarkt bietet interessante Anlagemöglichkeiten (Foto: Getty Images)

Kairo: Der Ägyptischer Aktienmarkt bietet interessante Anlagemöglichkeiten (Foto: Getty Images)

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Die ägyptischen Handelsbanken gaben mit Blick auf ihre gesunden Bilanzen, ihre hohe Rentabilität und ihre Zuversicht wenig Anlass für den Ausverkauf im Sommer. Dieser Meinung war auch der Internationale Währungsfonds (IWF), dessen Vertreter dem Land im September einen Besuch abstatteten.

Privatkundengeschäft: Nur 10 Prozent der Bevölkerung hat ein Bankkonto

Klassenprimus ist die Commercial International Bank mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) von 2,2. Sie ist auf dem besten Wege, im laufenden Jahr ein Kreditwachstum von 25 Prozent und eine Eigenkapitalrendite von rund 30 Prozent zu erwirtschaften. Für 2016 wird ein Wert von jeweils etwa 35 Prozent angestrebt. Die Bankenspitze sieht keine systematische Verschlechterung des Kreditumfeldes. Im Gegenteil ist sie der Ansicht, dass US-Devisen in angemessener Höhe vorhanden sind, um den derzeitigen Wachstumsanforderungen ihrer Kunden gerecht zu werden.

Credit Agricole Egypt (KBV 1,6) erwartet für 2015 eine Eigenkapitalrendite von über 30 Prozent, und für 2016 von über 35 Prozent. Die Bank hat ihre Cost-Income-Ratio erfolgreich von 48 Prozent im Jahr 2012 auf 34 Prozent im laufenden Jahr gesenkt. Das erwartete Kreditwachstum fällt mit 15 Prozent weniger aggressiv aus.

Der Fokus gilt dem Infrastruktursektor, wo sich die Bank das Know-how ihrer französischen Muttergesellschaft zunutze machen kann. Letztgenannte betrachtet das Privatkundengeschäft in Ägypten als höchst interessanten Markt. Denn nur 10 Prozent der dortigen Bevölkerung haben ein Bankkonto und die Bankstellendichte liegt im Schnitt bei 23.000 Einwohnern pro Bankfiliale, im Gegensatz zu Mexiko, wo sie sich auf 8.200 Einwohner beläuft.

Noch günstiger bewertet ist die – jedoch qualitativ niedriger einzustufende – Housing Development Bank. Hier liegt das KBV bei 1,1. Die halbstaatliche Bank scheint aus ihrem postrevolutionären Winterschlaf zu erwachen. Sie weist für das laufende Jahr eine Eigenkapitalrendite von 20 Prozent (bisher 10 Prozent) und ein Ergebniswachstum von über 100 Prozent auf. Die Dividendenrendite der Bank dürfte den Erwartungen zufolge 2015 von sieben auf über 10 Prozent steigen. Wachstumspläne in den unterversorgten Tier-2-Städten werden wieder vorangetrieben. Das gilt auch für ein von der ägyptischen Zentralbank unterstütztes Pilotprojekt im Bereich der Hypothekenvergabe.

Immobilien: Wieder mit Bodenhaftung

Immobilientitel legten vom vierten Quartal 2013 bis März 2015 eine rasante Rally hin, wobei sich der Wert vieler Aktien mehr als verdoppelte. Befeuert wurde dies von der Annahme, dass Immobilien vor dem Hintergrund des derzeit inflationären Umfelds die Gunst der Ägypter gewinnen.

Entsprechende Aktien erlebten jedoch im Sommer ein böses Erwachen mit Kursverlusten von über 50 Prozent. Mittlerweile erwarten Unternehmensvertreter allerdings realistischere Preiserhöhungen in Einklang mit der Inflation. Das würde ausreichen, um steigende Baukosten auszugleichen und die Margen zu sichern.

Starke Verkaufszahlen für neue Häuser und Wohnungen

Gegenwärtig entsteht ein neues und interessantes Modell der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Unternehmen mit einem bedeutenden Portfolio an Landreserven und Firmen mit starken Entwicklungs-, Vermarktungs- und Verkaufskompetenzen in diesem Bereich.

Die Verkaufszahlen für neue Häuser und Wohnungen bleiben stark. Das Angebot ist mit etwa 20.000 Einheiten pro Jahr begrenzt. Das Land profitiert außerdem von günstigen demografischen Bedingungen und dem Wunsch vieler Familien, aus dem überfüllten Zentrum Kairos in geschlossene Wohnanlagen zu ziehen. Letztere verfügen zusehends über die nötigen Gewerbegebiete, Schulen und Büroflächen.

In Anbetracht von Preisen, die gerade noch dem Buchwert entsprechen, bietet der Sektor durchaus Wertschöpfungspotenzial. Gleichzeitig leidet er jedoch unter den durch die postrevolutionären Probleme hervorgerufenen Stigmata und der jüngsten Korrektur. Die Ausschüttung von Dividenden wäre unseres Erachtens hilfreich, um die Bewertungen für einen Sektor mit recht komplexer finanzieller Berichterstattung zu verankern.