Afrikas Wirtschaftswachstum „Eine zuverlässige Stromversorgung würde ganz Afrika Kraft geben“

Ein Arbeiter fixiert ein elektrisches Kabel in Abidjan, Elfenbeinküste: Durchschnittlich haben nur 30 Prozent der Einwohner Afrikas südlich der Sahara Zugang zu elektrischem Strom. (Foto: Getty Images)

Ein Arbeiter fixiert ein elektrisches Kabel in Abidjan, Elfenbeinküste: Durchschnittlich haben nur 30 Prozent der Einwohner Afrikas südlich der Sahara Zugang zu elektrischem Strom. (Foto: Getty Images)

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Infrastrukturinvestitionen sind unserer Meinung nach eine Hauptantriebskraft der Wirtschaftsentwicklung in Afrika. Dabei dürfte die Bereitstellung von elektrischem Strom der wichtigste Aspekt sein. Statistiken zu Stromausfällen sind ernüchternd – insbesondere in Afrika südlich der Sahara. Statistiken der US Energy Information Administration zufolge verfügte Afrika südlich der Sahara im Jahr 2011 insgesamt nur über 78 Gigawatt der vorhandenen Stromerzeugungskapazität. 44 Gigawatt davon entfielen auf Südafrika. Demgegenüber lag die Kapazität allein in den USA bei 1.053 Gigawatt. Mit anderen Worten: Afrika hat insgesamt nur 7 Prozent der Stromkapazität der Vereinigten Staaten. Zum Vergleich: Die europäischen Länder Schweden und Polen verfügten jeweils über ähnliche Erzeugungskapazitäten wie ganz Afrika südlich der Sahara ohne Südafrika.

Ein US-Bürger verbraucht 12.461 Kilowattstunden Elektrizität pro Jahr, ein Einwohner Äthiopiens 52 Kilowattstunden

Zudem ist die tatsächliche Erzeugungskapazität in Afrika südlich der Sahara aufgrund mangelhafter Wartung, veralteter Anlagen und Kraftstoffmangel viel geringer als die theoretische Menge. Wegen beschädigter Stromleitungen, technisch bedingter Verluste bei der Übertragung sowie Diebstahl ist die Energiemenge, die tatsächlich beim Endverbraucher ankommt, noch geringer als die tatsächliche Produktionsmenge.

Laut Pro-Kopf-Daten verbraucht ein US-Bürger im Durchschnitt 12.461 Kilowattstunden Elektrizität pro Jahr, ein Einwohner Äthiopiens verbraucht 52. Durchschnittlich haben nur 30 Prozent der Einwohner Afrikas südlich der Sahara Zugang zu elektrischem Strom. Selbst dort, wo Strom zur Verfügung steht, ist dies zum Teil nur sporadisch der Fall und häufig kommt es zu Stromausfällen und Spannungsabfällen. Höhepunkt einer meiner Reisen nach Nigeria war ein Stromausfall, durch den wir unerwartet im Aufzug eines der angesehensten Hotels in Lagos stecken blieben. Für Fabriken und Krankenhäuser können solche Unterbrüche weit mehr als nur eine Unannehmlichkeit sein.

Großprojekt: Staudamm am Blauen Nil könnte 6 Gigawatt Strom erzeugen

Die Herausforderung, die das Stromdefizit in Afrika darstellt, mag monumental sein. Die derzeitigen Maßnahmen zur Lösung des Problems sind nicht weniger monumental. Viele der aufwendigsten Projekte zielen auf die Nutzung des Potenzials der großen Flüsse Afrikas ab. Chinesische Firmen nutzen dabei die während des Staudammbauprogramms in China gewonnenen Kenntnisse. In vielen dieser Projekte spielen Erweiterungen der Stromerzeugungsanlagen eine Rolle. Die äthiopische Regierung war in dieser Beziehung besonders aktiv und hat Großprojekte für die meisten Flüsse des Landes angestoßen. Ein Beispiel: Pläne für einen Staudamm am Blauen Nil, der 6 Gigawatt Strom erzeugen könnte. Uganda, Mosambik und Ghana haben ebenfalls hydroelektrische Großprojekte in Arbeit oder Planung. Das größte ist das Inga Falls Number Three am Kongo in der Demokratischen Republik Kongo. Ursprünglich für eine Leistung von 4,8 Gigawatt geplant, verfügt es letztendlich über eine potenzielle Erzeugungskapazität von mehr als 40 Gigawatt.

Das von China unterstützte Staudammprojekt wird ergänzt durch andere Großprojekte, darunter geplante Kernkraftwerke in Südafrika und ein großes Kohlekraftwerk in Simbabwe. Es könnte eine riesige Bedeutung für die Stromerzeugungskapazitäten in Afrika erlangen. Angesichts der enormen Größe Afrikas, seiner verstreut lebenden Bevölkerung und niedriger Pro-Kopf-Einkommen, wird jedoch die Verteilung des Stroms eine weitere große Herausforderung darstellen. Politische Instabilität ist vielerorts ein zusätzliches Problem. Diese Riesenprojekte könnten sich daher vor allem als sogenannte „Captive Generating Plants“ auswirken. Sie werden ausschließlich zur Versorgung großer Minen- oder Industrieprojekte oder für wohlhabende urbane Regionen gebaut, in denen Sicherheit und Voraussetzungen zur Bezahlung von Strom gegeben sind, nicht aber für die Versorgung der Bevölkerung als Ganzes. Eine weitere Frage sind die erheblichen Umweltkosten, die aber unserer Meinung nach gegen den erzielten Nutzen abgewogen werden müssen.