Aktien Robeco: „Wir sind vorsichtig, Europa noch stärker zu gewichten“

 Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions

Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions

Die US-Aktienmärkte sind stärker gestiegen als die zugrundeliegenden Unternehmensgewinne rechtfertigen, während europäische Aktien nicht mit dem Anstieg der Unternehmensgewinne im ersten Vierteljahr 2017 Schritt gehalten haben. Stattdessen konzentrieren sich Anleger auf eher unerfreuliche Themen wie den Brexit und die Ausbreitung von Populismus.

Das bedeutet, dass US-Aktien für Perfektion bepreist sind, europäische Aktien dagegen für Depression. Deshalb haben wir in unserem mehrere Anlageklassen umfassenden Portfolio europäische Aktien gegenüber US-Titeln übergewichtet. Doch Vorsicht: Durch den Brexit und eine mögliche Wachstumsverlangsamung bestehen nach wie vor Risiken.

Die Gewinne der 500 Unternehmen im S&P, der nur US-Werte umfasst, dürften sich im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent erhöht haben, während der Index im selben Zeitraum um 15 Prozent gestiegen ist. Bei den im STOXX Europe 600 enthaltenen Unternehmen dürfte sich der Gewinn je Aktie im Vorjahresvergleich um 26 Prozent erhöht haben, während die Aktienkurse „nur“ um 13 Prozent gestiegen sind. Für den weniger breit aufgestellten Euro Stoxx 50, der keine britischen Aktien enthält, steht eine Gewinnsteigerung um 20 Prozent einer Erhöhung der Aktienkurse um 17 Prozent gegenüber. Diese Zahlen zeigen, dass die US-Aktienmärkte durch steigende Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs) unterstützt werden, während europäische Aktien günstiger geworden sind.

Vier Faktoren sprechen für Europa

Woran liegt das? Der US-Markt hat viele gute Nachrichten eingepreist und Unsicherheiten ignoriert, während in Europa umgekehrt sämtliche Unsicherheiten eingepreist und alle guten Nachrichten ignoriert wurden. Für uns sprechen aktuell vier Faktoren für europäische Titel:

  • Wirtschaftliche Entwicklung: Die Wirtschaft der Eurozone expandiert seit nunmehr zwei Jahren genauso schnell wie die US-Wirtschaft. Da die Bevölkerung Europas langsamer wächst als die der USA, bedeutet dies, dass Europa ein höheres Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf hat.
  • Politik: Das hohe Maß politischer Unsicherheit in Europa durch die Wahlsaison verbunden mit Sorgen um den Brexit, Italien und Griechenland, ließen 2017 wie ein politisches Minenfeld erscheinen. Im Mai stellt sich die Lage schon weit weniger bedrohlich dar – vor allem nach Macrons Erdrutschsieg bei seiner Wahl zum Präsidenten Frankreichs.
  • Umsatzwachstum: Das erste Vierteljahr 2017 könnte beim Umsatzwachstum das stärkste Quartal seit mehr als fünf Jahren sein. Europa kann möglicherweise sogar ein zweistelliges Wachstum melden. Es überrascht nicht, dass daraus weltweit ein starker zweistelliger Anstieg des Gewinns je Aktie resultiert, wobei der europäische Markt im Vorjahresvergleich die Führung übernommen hat.
  • Bewertung: Je nach Bewertungsmaßstab sind europäische Aktien gegenüber US-Titeln um bis zu fünf Prozent überbewertet beziehungsweise um bis zu 48 Prozent unterbewertet (siehe Tabelle). Unser bevorzugter langfristiger Bewertungsmaßstab, das reale, zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis (CAPE), weist auf einen Kursabschlag von 48 Prozent hin.

Anleger sollten jedoch auf der Hut sein und sich nicht mitreißen lassen: Die Bewertung ist nie ein guter Indikator für das richtige Timing. Wer europäische Aktien nur deshalb kauft, weil sie billig sind, hat in den letzten sieben Jahren überwiegend Verluste gemacht. Verbindet man niedrige Bewertungskennzahlen dagegen mit anderen Faktoren wie einer besser werdenden Stimmung in der Wirtschaft, abnehmenden politischen Risiken und der Gesamtdynamik, können sie sich als ein sehr starkes Element der Anlagestrategie erweisen.

Verlockende Bewertungen stehen potenziellen Spielverderbern gegenüber

Ist dies also der Trade des Jahres, über den man überhaupt nicht nachzudenken braucht? Die Dinge sind niemals so einfach: Es gibt immer noch ein paar potenzielle Spielverderber wie die Wahlen in Italien, das Risiko, dass die konjunkturelle Dynamik bald ihren Höhepunkt erreicht haben wird, oder eine Verschärfung der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank.

Und dann sind da noch die Brexit-Verhandlungen. Der Prozess des Austritts Großbritanniens wird zweifelsfrei für beide Seiten schmerzhaft sein. Das Risiko, dass sich der Konflikt verschärfen und das Wachstum in Großbritannien bremsen wird, ist sicherlich vorhanden.

Zudem sehen wir das Problem, dass unter Investoren weitgehende Einigkeit herrscht, man sollte jetzt europäische Aktien kaufen. Angesichts der schwindenden politischen Risiken haben viele Anleger bereits begonnen, Mittel in Richtung Europa umzuschichten. Auch wenn das nicht unbedingt bedeutet, dass europäische Aktien kein Kurspotenzial mehr besitzen, sind wir normalerweise vorsichtig, was Trades angeht, über die allgemeine Einigkeit besteht. Die Risiko-/Renditeeigenschaften verändern sich im Allgemeinen. Daher sind wir vorsichtig, Europa noch stärker zu gewichten, da sich die Titel zuletzt gut entwickelten – vor allem, wenn der saisonale Faktor negativ wird. Europa erscheint dennoch attraktiver als die USA.