Aktien während politischer Krisen „Anleger sollten sich jetzt nicht ins Bockshorn jagen lassen“

Martin Hüfner, Assenagon Asset Management

Mehr als sonst ist in den Börsenkommentaren in diesem Jahr nicht nur von ökonomischen Faktoren die Rede. Immer mehr Raum wird den politischen Krisenherden in der Welt eingeräumt. Da geht es um Iran und Israel, um die Türkei, um China und Nordkorea und um Protektionismus und Populismus. Das entspricht der allgemeinen Gefühlslage der Anleger. Ist es aber auch richtig? Haben politische Faktoren für die Märkte derzeit wirklich eine so große Bedeutung?

Ich möchte hier ein paar Fragezeichen setzen. Dazu habe ich mir die Zusammenhänge etwas genauer angeschaut. In der Grafik habe ich die Entwicklung des amerikanischen Aktienmarktes (jeweils Veränderungen zum Vorjahr) seit dem Zweiten Weltkrieg mit wichtigen Krisen in der Welt in Verbindung gebracht. Es zeigt sich, dass die politischen Krisen die Aktienmärkte weit weniger durcheinanderwirbeln als vermutet.

S&P 500 seit dem Zweiten Weltkrieg
monatlich, Veränderung in % (yoy)

Quelle: Yahoo Finance, eigene Recherchen Grafik: Assenagon Asset Management

Der größte Einbruch am Aktienmarkt bisher war die Subprime-Krise in den USA in den Jahren 2008/2009. Sie war allein wirtschaftlich bedingt und hatte nichts mit geopoliti­schen Veränderungen zu tun. Die Politik kam nur insofern ins Spiel, als sie später ein Ausufern der Krise verhinderte.

Bei der zweitgrößten Krise ist die Sache nicht so eindeutig. Bewirkt wurde sie durch die drastische Anhebung der Ölpreise, die zu einer Explosion der Inflation, einer starken Erhöhung der Zinsen und einer weltweiten Rezession führte. Die Ursache der Ölpreisanhebung hatte freilich viel mit den politischen Veränderungen im Nahen Osten (u. a. Jom-Kippur-Krieg) zu tun.

Aktienmarkt kaum verändert

Große politische Krisen dagegen wie der Koreakrieg Anfang der 50er Jahre, der Vietnamkrieg in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts oder die Kubakrise, die im Oktober 1962 fast zu einem Atomkrieg geführt hätten, spielten für die Aktienmärkte kaum eine Rolle. In den zweieinhalb Monaten des zweiten Irakkriegs 2003 ist der S&P 500 nicht gefallen, sondern um fast 5 Prozent gestiegen. In der Kubakrise des Jahres 1962 hat er praktisch gar nicht reagiert.

»Politik und Wirtschaft sind zu einem großen Teil
jeweils eigenständige Regelkreise.«

Anfang des Jahrtausends, als es neben den Anschlägen auf das World Trade Center in New York auch noch das Platzen der New Economy-Krise gab, ging der S&P in der Spitze um etwas mehr als 25 Prozent zurück. Das war verglichen mit der Bedeutung der dahinter stehenden Mega-Events relativ wenig.