Amundi Asset Management Italiens Wahlentscheid und die Folgen für Anleger

Thomas Kruse, CIO Deutschland bei Amundi Asset Management: „Volatilitätsausschläge lassen sich nur durch flexibles Portfoliomanagement nutzen.“ | © Amundi Asset Management

Thomas Kruse, CIO Deutschland bei Amundi Asset Management: „Volatilitätsausschläge lassen sich nur durch flexibles Portfoliomanagement nutzen.“ Foto: Amundi Asset Management

Wie schätzen Sie die aktuelle politische Situation in Italien ein? Wie geht es mit dem Land weiter?

Thomas Kruse: Die politische Lage in Italien bleibt wenig kalkulierbar. Als Staatschef Sergio Mattarella den Juristen Guiseppe Conte mit der Regierungsbildung beauftragt hat, schien es tatsächlich zum ersten Mal in Europa eine rein populistische Regierung in einem EU-Gründungsland ohne die Beteiligung einer traditionellen Partei zu geben. Nachdem Conte den Regierungsauftrag zurückgegeben hat, ist die Frage, ob Mattarella eine technokratisch ausgerichtete Regierung unter Führung des Ökonomen Carlo Cottarelli bilden wird.

Die Zusammenarbeit von Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) und der Lega (die führende Partei des Mitte-Rechts-Bündnisses) wäre keinesfalls einfach geworden. Trotz aller Wahlkampf-Rhetorik wären M5S und die Lega wie jede neue Regierung durch die Institutionen und die Verfassung des Landes an drei Grundsäulen gebunden: den Euro, den Euroraum und die Nato. Eine explizite Abweichung von diesen internationalen Vereinbarungen erschien schon am Anfang möglich und mit der Möglichkeit, dass der Staatspräsident in die Regierungsbildung eingreifen und auf eine „neutrale“ Regierung drängen würde, stand schon früh zur Debatte. Wird diese, wie es aktuell aussieht, von Mattarella initiiert, sie jedoch im Parlament nicht bestätigt, stünde das Land vor Neuwahlen.

Entscheidend sind mindestens drei Artikel der italienischen Verfassung, die die Regierung einhalten muss: Artikel 81 (der einen ausgeglichenen Haushalt vorschreibt), Artikel 11 und Artikel 117.1 (die besagen, dass interne Vereinbarungen eingehalten werden müssen). Mit einem Warnschuss hat Mattarella die Parteien bereits aufgefordert, nicht von dem außenpolitischen Kurs vorheriger Regierungen abzuweichen.

Wie steht es um das Wachstum in Italien?

Kruse: Das Wachstum hat nach unserer Einschätzung in Italien wie auch in der Eurozone seinen Höhepunkt erreicht und dürfte in diesem und im nächsten Jahr abnehmen, dabei jedoch oberhalb des Potenzialwachstums liegen. Die bisherige Eintrübung von Stimmung und Wachstum liegt noch immer im Rahmen unseres Szenarios und beunruhigt uns nicht wirklich, anhaltende politische Unsicherheit könnte jedoch die Binnenwirtschaft belasten.

Die Entwicklung am italienischen Aktienmarkt hängt vor allem von einer Erholung des Energie- und Finanzsektors ab. Wir sind optimistischer für die Small- und Mid Cap-Segmente, die mit ihren idiosynkratrischen Wachstumstreibern weniger anfällig für politische Risiken sind.

Sind die italienischen Strukturreformen in Gefahr?

Kruse: M5S und die Lega haben sich im Wahlkampf zwar sehr negativ zu den Reformen früherer Regierungen geäußert (Arbeitsmarkt und Rentensystem, um nur zwei zu nennen). Einer Regierung, die den Haushalt für das kommende Jahr beschließen muss, dürfte es jedoch schwerfallen, die automatische Erhöhung der Mehrwertsteuer auszusetzen und gleichzeitig den Haushalt deutlich auszuweiten. Dazu müsste sie den Euro-Stabilitätspakt verletzen und könnte dadurch sowohl am Markt als auch im Inland unter Druck geraten. In unserem Basisszenario gehen wir derzeit nicht davon aus.

Eine abrupte Abkehr vom Reformkurs würde das Bekenntnis der Regierung zu den europäischen Rahmenverträgen in Frage stellen und kurzfristig die Staatsfinanzen in Gefahr bringen. Langfristig stünden die Tragfähigkeit der Schuldenlast und das Wachstumspotenzial des Landes auf dem Spiel.