Amundi-CIO zur Lage in Italien „Wir sehen kein unmittelbares Risiko eines Euro-Austritts“

Thomas Kruse, CIO Deutschland bei Amundi: „Die wirtschaftliche Lage Italiens und Europas hat sich in den vergangenen Jahren erheblich stabilisiert“ | © Amundi Asset Management

Thomas Kruse, CIO Deutschland bei Amundi: „Die wirtschaftliche Lage Italiens und Europas hat sich in den vergangenen Jahren erheblich stabilisiert“ Foto: Amundi Asset Management

Noch kurz vor und während der Wahl der neuen Regierung blickten Anleger mit hoher Gelassenheit auf Italien. Der FTSE MIB stieg um 10 Prozent seit Jahresbeginn, die Risikoaufschläge bei Staatsanleihen waren trotz der ungewissen Regierungsbildung stabil. Mittlerweile ist ein ebenfalls übertriebener Pessimismus eingezogen, es fand ein Kursrutsch am Aktienmarkt statt und die Risikoaufschläge sind auf dem höchsten Stand seit 2013. Die kurzfristigen Zinsen reagierten sogar noch heftiger als die langfristigen. Implizit bedeutet das: Anleger erwarten mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Auseinanderbrechen der Eurozone („Italexit“) mit anschließendem Staatsbankrott.

Woher kommt der abrupte Sinneswandel? Italien betritt politisches Neuland, was eine entsprechende Risikoprämie rechtfertigen mag. Doch selbst bei einer ernsthaften Konfrontation zwischen der neuen Regierung und der Europäischen Union (Immigration, Fiskalpolitik, Außenpolitik) sehen wir keine unmittelbaren Risiken eines Ausfalls oder Euro-Ausstiegs. Die Schwächen der italienischen Wirtschaft sind bekannt (Staatsschulden, niedrige Produktivität, kaum Wachstumspotenzial), in den letzten Jahren hat sich die wirtschaftliche Lage des Landes dennoch deutlich gebessert. Solange Geld- und Haushaltspolitik das Wachstum weitertragen, dürfte die Erholung anhalten.

Statt Panik hilft in dieser Situation ein kühler Kopf

Analysiert man Lage und Stimmung in Italien, so ergibt sich trotz aller Probleme ein nicht allzu schlechtes Bild:

  • Selbst bei einer ernsthaften Konfrontation zwischen der Regierung und der Europäischen Union zu Immigration, Fiskalpolitik und Außenpolitik besteht für die kommenden zwei bis drei Jahre kein Ausfallrisiko.
  • Alle Umfragen zeigen bisher, dass die Italiener den Euro nicht aufgeben wollen. So erklärt sich auch, warum die beiden Anti-System-Parteien der neuen Regierungskoalition Pläne zu einem Euro-Austritt nie in ihr Regierungsprogramm aufgenommen oder damit Wahlkampf gemacht haben.
  • Die verfassungsmäßigen Rechte von Staatspräsident Mattarella schränken den Spielraum der neuen Regierung ein. Gegen bestimmte Gesetze kann Mattarella sein Veto einlegen, sollten sie die Staatsschulden in untragbare Höhen treiben oder gegen internationale Abkommen verstoßen.
  • Die wirtschaftliche Lage Europas und Italiens hat sich in den vergangenen Jahren erheblich stabilisiert. Die Wirtschaft der Eurozone konnte sich deutlich erholen, Italien ist wieder gewachsen und konnte sogar einen Handelsüberschuss ausweisen. Die Erholung dürfte sich daher fortsetzen, solange Geld- und Haushaltspolitik das Wachstum weiter unterstützen.

Die Schwächen der italienischen Wirtschaft sind bekannt:

  • Hohe Staatsschulden
  • Hohe Volumen leistungsgestörter Kredite in den Bilanzen italienischer Banken
  • Hohes Exposure der Banken auf italienische Staatsanleihen
  • Sehr niedriges Wachstumspotenzial, daraus resultierend mittel- bis langfristige Risiken durch untragbare Schuldenlast der öffentlichen Haushalte
  • Weiterhin zu schwache Erholung für einen Anstieg des Pro-Kopf-BIP–Stagnation seit der Finanzkrise in deutlichem Kontrast zum Wachstum in den anderen Ländern der Eurozone
  • Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit

Dennoch sollte man die Stärken der Wirtschaft nicht außer Acht lassen:

  • Nachhaltiger Primärüberschuss
  • Geringe Verschuldung der privaten Haushalte, hohe Sparquote
  • Die Staatsschulden liegen weitestgehend bei italienischen Haushalten

Außerdem haben die Banken eine Bereinigung ihrer Bilanzen eingeleitet und sind heute wohl besser aufgestellt als noch vor einigen Jahren. Die Regierung hat die Duration ihrer Schulden erhöht; sie liegt es bei fast sieben Jahren. Effektiv zahlte Italien 2017 annähernd 3 Prozent Zinsen auf seine Schulden. Auf ihrem heutigen Niveau bedrohen die Zinsen also nicht die Tragfähigkeit der öffentlichen Schulden. Bei Unbehagen am Markt würde die EZB wahrscheinlich Reserven mobilisieren und ein Übergreifen der Turbulenzen auf den Rest der Eurozone verhindern.

Italien wird Konjunkturaussichten der Euro-Zone nicht verschlechtern

Zugegeben: Italien betritt politisches Neuland. Wie effektiv die Wirtschaftspolitik der Regierung letztlich sein wird, ist zurzeit nicht absehbar. Bleibt die Koalition bei ihrem Programm, ist eine Konfrontation mit der EU unvermeidbar. Die Pläne der Regierung würden den Haushalt mit rund EUR 100 Milliarden Euro oder 6 bis 7 Prozent des BIP belasten. Allerdings ist die Regierung fragil und kann nur auf eine knappe Mehrheit im Senat zählen. Schwierigkeiten würden die Regierung mit hoher Wahrscheinlichkeit zerbrechen lassen und zu Neuwahlen führen. All dies rechtfertigt eine Risikoprämie deutlich über dem Niveau anderer Peripherieländer. Wir gehen jedoch davon aus, dass die geplanten Ausgaben im Laufe der kommenden Jahre weiter gesenkt werden. Bis Ende des Jahres dürfte die Lage Italiens daher weder die Konjunkturaussichten der Eurozone noch das Ende des QE-Programms der EZB infrage stellen.

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