Amundi Marktkommentar Zentralbanken bleiben trotz Inflation vorsichtig

Motorradfahrer auf der Großglockner Hochalpenstraße in Österreich: Besser gemächlich hochfahren und vorsichtig hinter der Kurve bleiben | © Getty Images

Motorradfahrer auf der Großglockner Hochalpenstraße in Österreich: Besser gemächlich hochfahren und vorsichtig hinter der Kurve bleiben Foto: Getty Images

Das weitere Wachstum der Weltwirtschaft ist nun in Politik- und Wirtschaftskreisen breiter Konsens. Wir erwarten allerdings eine nur leichte Steigerung des Weltwirtschaftswachstums von 3,8 Prozent im Jahr 2017 auf 3,9 Prozent im Jahr 2018, wobei die treibenden Kräfte sowohl die Industrieländer als auch die Schwellenländermärkte sind. Wie auch immer – der aktuelle Zyklus könnte brechen aufgrund von zwei Stolperfallen: einem synchronisierten Anziehen der Geldpolitik, gefolgt von einer bösen Inflations-Überraschung. Denkbar sind auch Korrekturen bei Finanzanlagen und Sachwerten.

Schulden können Zyklus der Volkswirtschaften ins Ungleichgewicht bringen

Unsere Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass die Volkswirtschaften sich in der ersten Zeit des Jahres in ruhigeren Gewässern bewegen. In den Vereinigten Staaten werden die Steuersenkungen für kommenden Quartale für einen Schub sorgen und die Wirtschaft wird bald in ihr zehntes Jahr des Wachstums eintreten. Die Eurozone wird sich gut erholen. Der Sentiment-Index der EU-Kommission ist auf dem höchsten Niveau seit der Einführung des Euros. Als einen der Effekte hieraus erwarten wir, dass das Wachstum im laufenden Jahr 2,4 Prozent erreicht; das wäre mehr als doppelt so viel wie vorher prognostiziert und 0,2 Prozent mehr als der Konsensus. In Japan wird der Wirtschaftszyklus, unterstützt von weltweitem Handel und Investitionen, der längste sein seit dem Zweiten Weltkrieg. Schließlich wird in China die Wachstumsrate voraussichtlich moderat sinken, wobei Nicht-Finanzunternehmen ihre Schulden nunmehr in den Griff bekommen.

Wenn Wirtschaftszyklen nicht aufgrund eines natürlichen Alterungsprozesses zu Ende gehen, kann dies jedoch aufgrund von Ungleichgewichten der Fall sein. So ist zum Beispiel das massive Aufhäufen öffentlicher und privater Schulden eine Bedrohung für die mittelfristige Stabilität eines Zyklus. Wie auch immer, die aktuellen Rahmenbedingungen von robustem Wachstum und niedrigen Zinsen sind dem Schuldenabbau förderlich. Allerdings sollte die Länge des Expansionszyklus nicht verschleiern, dass es ihm an Elan mangelt. Dies lässt sich aufgrund der Abschwächung des potenziellen Wachstums erklären, die wiederum aus der Überalterung der Bevölkerung und einem Rückgang der Produktivität resultiert. Das potenzielle Wirtschaftswachstum wird nun auf gerade mal etwas über 1,5 Prozent in den Vereinigten Statten geschätzt, auf 1 Prozent in der Eurozone, auf rund 0,7 Prozent in Japan und 5 bis 6 Prozent in China. Allerdings wird sich trotz der Länge des Zyklus die globale Schuldenlücke nicht vor Ende des Jahres schließen – und das zum ersten Mal seit der globalen Finanzkrise von 2007/2008.

Zu schnelle Zinserhöhungen verschlechtern ökonomische Rahmenbedingungen

Bei der Inflation schlägt im Jahr 2018 die Stunde der Wahrheit. Während der Konsensus schätzt, dass der Druck auf die Preise zunimmt, ist die Höhe ihres Ausbruchs nach oben sehr unsicher. Vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen muss das Risiko eines plötzlichen Anstiegs der Inflation – auch wenn dieses Risiko sehr gering ist – durchaus ernst genommen werden. Allerdings sind weder die Akteure in den jeweiligen Volkswirtschaften noch die Zentralbanken gut auf diese Entwicklung vorbereitet. Wie werden also die Zentralbanken voraussichtlich auf einen Anstieg der Inflation reagieren?

Ihre jüngsten Verlautbarungen suggerieren, dass sie es vorziehen würden, zumindest eine Zeitlang „hinter der Kurve“ zu bleiben, die Zinsen also nur moderat zu erhöhen. Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Wenn sie die Zinsen zu schnell erhöhen und gleichzeitig ihre Kaufprogramme aufgeben, würde das die geldwirtschaftlichen und finanzpolitischen Bedingungen verschlechtern. Die daraus entstehenden finanziellen Tumulte würden die wirtschaftlichen Aussichten verschlechtern. Verschuldete Akteure an den Finanzmärkten, geschwächt durch ansteigende Zinsen, wären gezwungen, ihre Ausgaben für Konsum zu drosseln. Dies würde wiederum zu einer Senkung von Investitionen führen. Der globale Wirtschaftszyklus würde sich drehen und die Inflation würde bald wieder sinken. In anderen Worten: eine nachträgliche, schnelle Erhöhung der Zentralbankzinsen würde sich schnell als geldpolitischer Fehler entpuppen.

Debatte über Zinserhöhungen ist eröffnet

Doch die Zentralbanken können diesen Fehler vermeiden. Sie haben die Möglichkeit, ihre Inflationsziele, die sich ursprünglich gegen die zu niedrige Inflation richteten, über die wirtschaftlichen Krisenzeiten hinaus bis in die Erholungsphase beizubehalten. Und diese Inflationserwartungen sollten nachdrücklich festgezurrt werden. Die Bank of Japan hat bereits ihre Position in diesem Sinne bekräftigt. Auch der ehemalige Fed-Chef Ben Bernanke hat kürzlich diese Argumentation wieder gegenüber dem Zins-Vorpreschen der Fed vorgetragen. Wir sehen: Eine weitergehende Debatte über die richtigen Schlussfolgerungen aus diesem Szenario ist eröffnet.