Anleger verharren im Wohlfühlmodus Eurokrise erreicht neue Phase

Andreas Leckelt

Andreas Leckelt

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Das Ergebnis der Europawahl ist ein Schlag ins Gesicht für die Vertreter der derzeitigen Europapolitik. Falls es noch eines Beweises bedurft hätte, vor welchen massiven innenpolitischen Problemen die Krisenländer der Eurozone stehen, so hat ihn der Wahlausgang mehr als deutlich erbracht.

Frankreichs Präsident Hollande reagierte auf das katastrophale Wahlergebnis seiner Partei mit der Ankündigung, die kürzlich verabschiedeten Sparbeschlüsse wieder aufzuweichen. Andere EU-Staaten wie beispielsweise Italien und Griechenland werden diesem Beispiel folgen.

Die Krise beziehungsweise das Währungsexperiment Euro tritt damit in eine neue Phase. Fällt Frankreich als Stabilitätsfaktor für die Eurozone aus, droht ein unkontrollierter Zerfall des Euroraums. Doch die Anleger scheint das derzeit noch wenig zu irritieren.

Zinssätze der Eurozone auf 300-Jahrestiefs

So herrscht am Aktienmarkt eine selten zu beobachtende „Wohlfühlstimmung“ - ungeachtet der Tatsache, dass keines der fundamentalen Probleme, die zur Finanz- und Eurokrise geführt haben, auch nur ansatzweise gelöst wurde.

Der Dax steigt seit einem halben Jahrzehnt und befindet sich auf einem historischen Höchststand. Der VDax, der die Angst der Investoren misst, notiert nahe seinen Tiefstständen. Eine so geringe Volatilität gab es seit dem Jahr 2007 nicht mehr.

Getoppt wird diese Sorglosigkeit von den Investoren am Anleihenmarkt: die Verzinsung zehnjähriger italienischer und spanischer Schuldtitel ist mittlerweile auf unter 3,0 Prozent gefallen. Zehnjährige deutsche Bundesanleihen rentieren mit weniger als 1,4 Prozent. Nahezu keine Anleihe in der Eurozone vergütet auch nur ansatzweise das dahinterstehende Risiko.

Zu verdanken ist diese „traumhafte Performance“ der Finanzmärkte ausschließlich dem frisch gedruckten Geld der Notenbanken. Es stellt sich jedoch zunehmend die Frage der Nachhaltigkeit dieser Geldpolitik. Denn während die Finanzmärkte haussieren, bleibt die erhoffte Erholung der Realwirtschaft weit hinter den Erwartungen zurück.

Angesichts des historischen beachtenswerten Ausmaßes der aktuellen Überbewertung des US-Aktienmarktes, der absurd hohen und kaum zu steigernden Margen der Unternehmen und der eher schwachen Aussichten für das künftige Umsatzwachstum hat die Entkoppelung der Kapitalmärkte von der Realwirtschaft unseres Erachtens einen gefährlichen Punkt erreicht.

Noch wähnen sich viele Anleger bei ihrer Jagd nach Rendite in einer vermeintlichen durch die Notenbanken geschaffenen Sicherheit. Je höher die Notierungen klettern, desto unwahrscheinlicher sind jedoch weitere Kurssteigerungen, da ein Gutteil der Nachfrage nach Finanzanlagen bereits kreditfinanziert ist.

Damit funktioniert die Spekulation nur so lange, wie die Wertsteigerung der Anlagen die Zinszahlung überkompensiert. Sobald dies nicht mehr der Fall ist, wächst der Verkaufsdruck. Ein Szenario, das sich sehr schnell zu einer Lawine entwickeln kann.