Anleihen: Belastet staatliche Steuerhoheit Unternehmen?

Christophe Frisch, Fondsmanager bei Ampegagerling

Christophe Frisch, Fondsmanager bei Ampegagerling

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DAS INVESTMENT.com: Offenbar gab es nur zwei Anleiheklassen, die im vergangenen Jahr gut liefen: US-Treasuries und Bundesanleihen. Hatten Sie das so erwartet?

Christophe Frisch: Ja. Die Schuldenkrise in Europa und die sich im zweiten Halbjahr andeutende Verlangsamung des Wirtschaftswachstums sprachen dafür. Neben dem sicheren Hafen Bundesanleihe konnte man aber auch mit Unternehmensanleihen und mit Pfandbriefen Gewinne erzielen – beim iBoxx Euro Covered waren es 3,92 Prozent.

DAS INVESTMENT.com: Fühlen Sie sich mit hohen Anteilen in Unternehmensanleihen auf dem falschen Fuß erwischt?

Frisch: Nein, denn wie gesagt, konnte man mit Unternehmensanleihen in 2011 Geld verdienen. Ein Beispiel ist der iBoxx Euro non-financials mit 3,9 Prozent. Einige Branchen erzielten sogar einen Zuwachs von über 5 Prozent, wie zum Beispiel Gesundheit mit 6,2 Prozent, Persönliche und Haushaltswaren mit 5,6 Prozent oder Öl und Gas mit 5,1 Prozent.

Auch den Diversifikationsbeitrag darf man nicht unterschätzen. Ebenso ist der Anteil der Spreads an der Gesamtrendite sehr hoch. Beim Index iBoxx € Corporate A macht er die Hälfte aus. Zudem blieben die Ratings für Unternehmen aus Kern-Europa stabil. Das aktuelle Spread-Niveau preist hohe Ausfallwahrscheinlichkeit ein, deutlich über historischen Höchstwerten.

Daher sollten Unternehmensanleihen auch 2012 ein wesentlicher Bestandteil in einem breit diversifizierten Rentenportfolio sein.

DAS INVESTMENT.com: Vom rationalen Gefühl her würde ich derzeit lieber einem Unternehmen als einem Staat Geld leihen. Sehen Sie das genauso?

Frisch: Nein, nicht pauschal. Es hängt vom Unternehmen und dem Staat ab. Bei Staaten zeigt der Rating-Trend abwärts – bei Industrieanleihen aus Kern-Europa ist er stabil. Eine Ratingverschlechterung beim Staat führt aber oft zu einer Verschlechterung der Bonität bei Unternehmensanleihen. Zum Beispiel könnte die beim Staat liegende Steuerhoheit Unternehmen belasten.

DAS INVESTMENT.com: Trotzdem haben viele Staaten bessere Ratings als Unternehmen. Was ist so ein Rating eigentlich noch wert?

Frisch: Ein Rating kann nie die eigene Analyse ersetzen. Trotzdem braucht man einen Vergleichsmaßstab, um Assetklassen zu beurteilen. Und das können Ratings durchaus noch leisten.

DAS INVESTMENT.com: Ist es jetzt dumm, Bundesanleihen zu besitzen? Schließlich bringen sie nach Inflation einen staatlich garantierten Verlust.

Frisch: Es ist nicht dumm, sie funktionieren gut als Liquiditätsersatz und um Vermögen zu diversifizieren. Darüber hinaus dienen sie weiterhin als sicherer Hafen, denn die Schulden- und Staatenkrise ist noch lange nicht ausgestanden.