Anleihen Rückkehr zur Normalität

Bodleian Library in Oxford, England: Philosophische Überlegungen nutzt der Anleihenexperte John Beck für strategische Positionierungen. | © Getty Images

Bodleian Library in Oxford, England: Philosophische Überlegungen nutzt der Anleihenexperte John Beck für strategische Positionierungen. Foto: Getty Images

Die Annahme, dass 2017 ein Jahr der politischen Erschütterungen wird, weil 2016 genauso war, liegt in der Natur des Menschen. Und dies ist scheinbar die Prämisse, nach der die Finanzmärkte im ersten Halbjahr agieren, mit dem Ergebnis, dass sogenannte risikofreie Anlagen zu Bewertungen notieren, die wir für unrealistisch halten.

Als Fan von Geschichte und Philosophie erkenne ich die Reaktion der Finanzmärkte auf 2016 als klassisches Hegelsches Verhalten: Die ursprünglichen Annahmen erwiesen sich als falsch, weshalb der Konsens unverzüglich in das entgegengesetzte Extrem umschlug.

Anfang 2016 hielten nur wenige Beobachter ein Szenario für möglich, in dem die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) stimmen und Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen triumphiert. Aber als diese Ereignisse eintraten, bestand die Reaktion in der Annahme, dass jede spätere noch so unwahrscheinliche populistische Eventualität nun im Spiel war. Diese Haltung führte dazu, dass risikofreie Anlagen wie z. B. Staatsanleihen der Kernländer mit einem sehr deutlichen Aufschlag notieren.

Die Hegelsche Dialektik, die dieses Verhalten widerspiegelt, beinhaltet auch, dass es letztlich eine Auflösung dieser beiden Extreme geben wird. Dies ist weitgehend meine Interpretation des Ausblicks für 2017. Daher bin ich im Hinblick auf die Bewertungen der sogenannten risikofreien Anlagen eher skeptisch.

Niederländische Wahl-Paranoia

Vor dem Hintergrund der Paranoia an den Märkten und in den Medien im Vorfeld der Wahlen in den Niederlanden im März war eine Ausweitung der Spreads bei europäischen Staatsanleihen zu beobachten, die teils der umfangreichen Berichterstattung über die Möglichkeit eines Wahlsieges des rechtsextremen Politikers Geert Wilders geschuldet war. In Wirklichkeit war diese Wahrscheinlichkeit angesichts des niederländischen Wahlsystems sehr gering.

Ebenso dürfte der Einzug von Marine Le Pen in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich absolut keine Überraschung darstellen. Aber auch hier war die Wahrscheinlichkeit ihres Sieges zu vernachlässigen. Auch im Falle ihres Sieges wäre es äußerst unwahrscheinlich gewesen, dass sie für die Umsetzung ihres populistischen Programms ausreichend Stimmen in der Nationalversammlung hätte finden können.

Wahlen in Deutschland

Beim Blick auf den weiteren Jahresverlauf werden einige Kommentatoren wegen der möglichen Belastungen nervös, die ein unerwartetes Ergebnis der anstehenden Parlamentswahlen in Deutschland haben könnte.
Nach unserer Ansicht wird das Ergebnis, gleich wie es ausfallen wird, den grundlegenden, pro-europäischen und auf Konsens ausgerichteten Politikstil in Deutschland nicht ändern. Und dies dürfte die Grundzüge dessen, wie Europa regiert werden wird, nicht ändern.

Daher erscheint mir das Argument, dass die Anleger sich auf risikofreie Anlagen beschränken sollten, weil eine Welle radikaler fiskal- und geldpolitischer Maßnahmen auf die Welt zurollt oder weil uns das Auseinanderbrechen der EU bevorsteht, fadenscheinig.

Wachstum ist die wahre Sorge

Die wahre Sorge liegt darin, dass die Unterstützung für populistische Politiker wie Wilders und Le Pen den Umstand hervorhebt, dass das Wachstum nicht so stark ist, wie es sein sollte. Es gibt eine benachteiligte populistische Wählerschaft, die bereit ist, diesen Rechtsaußen-Kandidaten die Stimme zu geben, um den Status quo zu beenden.

Ich bin der Ansicht, dass dieses Gefühl der Benachteiligung nicht bloß eine Frage der Politik, sondern der Wirtschaft ist.

Dabei sind die konjunkturellen Anzeichen positiv. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine globale Wachstumsprognose nach oben korrigiert[1], und die jüngsten Zahlen für die Eurozone zeigen, dass das dortige Wachstum von 0,5 Prozent im ersten Quartal 2017 stärker war als in den USA[2].

Wohin führt uns Anleiheninvestoren dies also? Nach unserer Ansicht dürfte die US-Notenbank (Fed) mit der Anhebung der Zinssätze fortfahren. Während die Zahlen für das europäische Wachstum der tatsächlichen Lage etwas schmeicheln, betrachten wir den Pfad der Besserung als positives Signal.

Vor diesem Hintergrund halten wir die jüngste Rendite von rund 0,3 Prozent auf 10-jährige deutsche Bundesanleihen nicht für besonders schlüssig, auch wenn wir Unwägbarkeiten in Bezug auf die Brexit-Verhandlungen und die anstehenden Wahlen in Europa berücksichtigen.

Größere Stabilität offensichtlich

Die risikofreien Anlagen werden wegen der politischen Auswüchse bepreist, und dennoch sehen wir ein viel höheres Maß an Stabilität, als manche Kommentatoren vorhergesagt hatten. Daher rechnen wir mit einer Änderung bei den relativen Preisen.

Wir wollen damit jedoch nicht sagen, dass überall eitel Sonnenschein herrscht. Wir sind weiterhin in Sorge, dass ein Umschwung zugunsten populistischer Figuren wie Marine Le Pen möglich ist, sofern es in den nächsten drei bis vier Jahren nicht zu einer Verbesserung des Wirtschaftswachstums, der Beschäftigungslage und der allgemeinen Stimmung kommt.

Unterdessen dürfte eine Rückkehr zum politischen Status quo eintreten. Dabei rechnen wir damit, dass der Schock nachlässt, risikofreie Anlagen günstiger werden und wirtschaftliche Aspekte wieder an Bedeutung zunehmen.

[1] World Economic Outlook, April 2017: Gaining Momentum? 17. April 2017.
[2] Quelle: Eurostat.