Assenagon-Chefökonom Martin Hüfner Flache Zinsstruktur heißt nicht gleich schwache Konjunktur

Martin Hüfner

Seit Beginn dieses Jahres haben sich die Leitzinsen in den USA mehr als verdoppelt (von 0,5 Prozent auf 1,1 Prozent). Die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen ist in der gleichen Zeit um über 20 Basispunkte gefallen (von 2,5 Prozent auf 2,3 Prozent). Die Zinsstruktur ist damit deutlich flacher geworden. Diese Entwicklung wird sich noch verstärken, wenn die Fed im Dezember die Leitzinsen noch einmal um einen Viertel-Prozentpunkt erhöht.

Das hat manchen hellhörig werden lassen. Denn die Zinsstruktur ist nicht nur ein technisches Instrument zur Analyse des Kapitalmarkts. Sie gilt vielen auch als Frühindikator für die Konjunktur. Manche fürchten, dass die flachere Zinsstruktur eine Rezession in den USA ankündigen könnte. Sind solche Sorgen gerechtfertigt?

Zinsstruktur und Wachstum

Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen minus Leitzins, Zunahme des realen BIPs yoy, beides in % vierteljährlich

Quelle: Hüfner/Fred

Ich glaube nicht. Und zwar aus zwei Gründen. Zum einen gilt der Zusammenhang zwischen einer flacheren Zinsstruktur und der Abschwächung der Konjunktur für monetäre Bedingungen, die ganz anders sind als heute. Zum anderen spielen für die gesamtwirtschaftliche Aktivität in Amerika derzeit weniger monetäre als realwirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Schauen wir uns das genauer an.

Die Theorie, dass eine Abflachung der Zinsstruktur zu einer Rezession führen könnte, beruht auf zwei Annahmen. Zum einen, dass die Notenbank die Leitzinsen erhöht, um damit die Konjunktur zu bremsen und eine Überhitzung der Wirtschaft zu verhindern. Damit geht das kurze Ende der Zinsstrukturkurve nach oben. Zum anderen, dass die Märkte darauf vertrauen, dass es der Notenbank dadurch gelingt, die Inflation in Schach zu halten. Deshalb steigen die langfristigen Zinsen nicht, sondern können sogar sinken. Insgesamt ergibt sich daraus eine flachere Zinsstruktur und eine schwächere Konjunktur.