Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner „Der 29. Mai 2018 wird in die Geschichte des Euro eingehen“

Der Chef der italienischen Fünfsterne-Bewegung Luigi di Maio (re.) spricht vor Parteianhängern. Die Italienkrise ist Auftakt zu einer neuen Ordnung in Europa, befürchtet Asseenagon-Ökonom Martin Hüfner. | © Getty Images

Der Chef der italienischen Fünfsterne-Bewegung Luigi di Maio (re.) spricht vor Parteianhängern. Die Italienkrise ist Auftakt zu einer neuen Ordnung in Europa, befürchtet Asseenagon-Ökonom Martin Hüfner. Foto: Getty Images

Martin Hüfner

Der 29. Mai 2018 wird in die Geschichte des Euro eingehen. Es ist der Tag, an dem das eigentlich Undenkbare geschah: Der Mythos der Unzerbrechlichkeit der Gemeinschaftswährung zerbrach. Zum ersten Mal spekulierten die Märkte offen darauf, dass Italien aus der Währungsunion austreten könnte. Das war vorher stets nur als ganz entfernte Möglichkeit in Betracht gezogen worden.

Entsprechend geschockt waren die Märkte. Die Renditen für römische Staatsanleihen schossen binnen weniger Stunden nach oben, bei 10-jährigen Laufzeiten auf über 3 %. Bewegungen wie die an diesem Tag sind bei einer so stabilen Anlageklasse wie Renten ganz und gar ungewöhnlich. Die Investoren erlitten Kursverluste von zeitweise mehr als 5 %. So etwas kommt normalerweise bei Aktien vor, aber nicht bei Renten.

Neue Zeitrechnung

Ich möchte hier die These aufstellen, dass das nicht nur ein "Betriebsunfall" war. Es ist vielmehr der Beginn einer neuen Zeitrechnung im Euro. Wenn ich es plastisch formulieren wollte: Trump ist nach Europa gekommen. Der US-Präsident steht für eine populistische Wirtschaftspolitik. Er stellt alles in Frage. Er hält sich nicht an Regeln. Er fühlt sich auch durch langjährige Bündnisse nicht gebunden. Er ist in seinen Handlungen unvorhersehbar.

Jetzt sehen wir das erstmals in größerem Umfang auch in Europa. Bei den italienischen Parlamentswahlen im März errangen die rechtsextreme Lega Nord und die linksextreme Cinque Stelle zusammen eine Mehrheit im Parlament. Sie stellen vor allem zwei Dinge in Frage. Erstens die proeuropäische Ausrichtung der italienischen Politik, vor allem auch die Zugehörigkeit zum Euro. Das hätte sich niemand wirklich vorstellen können, zumal Italien eines der sechs Gründungsmitglieder der europäischen Gemeinschaft ist und darauf auch immer besonders stolz war. Zweitens, und damit im Zusammenhang, die Verträge von Maastricht mit der Priorität der Preisstabilität und solider Staatsfinanzen. Italien hatte in den letzten Jahren außerordentliche Anstrengungen unternommen, um das Defizit des öffentlichen Haushalts unter 3 % zu drücken und einen Leistungsbilanzüberschuss zu erreichen.

Risiken im Euroraum

Zins für 10-jährige Staatsanleihen in Italien und Deutschland in Prozent

Quelle: EZB

Nun könnte man sagen, dass das irreale Hirngespinste sind, die man nicht so ernst nehmen sollte. Sie können, wenn es ernst wird, auch wieder zurückgezogen werden. Die italienische Bevölkerung steht nach Umfragen angeblich immer noch zum Euro. Mit einer solchen Haltung macht man es sich aber zu leicht. Denn die jetzt regierenden Parteien sind – wie im Falle des amerikanischen Präsidenten – demokratisch legitimiert. Ihre Meinung kann sich zwar im Zeitablauf ändern. Es kann auch Neuwahlen geben. Aber solange das nicht der Fall ist, müssen wir das so akzeptieren. So wie das die Amerikaner bei Trump tun müssen und die Briten im Falle des Brexits. Wir können allenfalls froh sein, dass es uns in Europa nicht schon früher, nämlich bei den Wahlen in Frankreich und den Niederlanden im vorigen Jahr, erwischt hat.