Assenagon Chefvolkswirt Martin Hüfner „Inflation im Euroraum könnte stärker ausfallen als von EZB erwartet“

Martin Hüfner

Die Europäische Zentralbank hat nach der letzten Sitzung ihres Governing Council Inflationsprognosen veröffentlicht, die mich überrascht haben. Trotz der guten Konjunktur soll die Preissteigerung im nächsten Jahr von derzeit 1,4 Prozent auf 1,3 Prozent zurückgehen. 2019 wird sie zwar steigen (auf 1,6 Prozent). Sie läge dann aber immer noch kaum über dem jetzigen Niveau und deutlich unter dem selbst gesetzten Ziel von "nahe aber unter 2 Prozent". 

Das passt zwar zu der schwächeren Inflationsentwicklung, die man in diesen Tagen in vielen Ländern beobachten kann. Es stimmt aber so gar nicht mit der Theorie überein, nach der eine boomende Wirtschaft zu einer höheren Geldentwertung führt. Es passt auch nicht zu der Wahrnehmung beim täglichen Einkauf. Die "gefühlte Inflation" liegt derzeit eher bei 3 bis 4 Prozent mit steigender Tendenz. Wenn die EZB mit ihren Prognosen recht hätte, müssten wir noch bis 2020 warten, bis der Ärger über steigende Preise beim täglichen Einkauf von der Zentralbank zur Kenntnis genommen wird und zu höheren Zinsen führt. Die Geldpolitik könnte noch sehr lange sehr expansiv sein. Es würde weiterhin negative Einlagenzinsen geben.

Zusammenhang zwischen Wachstum und Inflation in Deutschland

Quelle: Hüfner/Bundesbank

Da kommen einem doch erhebliche Zweifel. Ich habe mir daher noch einmal den Zusammenhang zwischen Konjunktur und Geldentwertung in der Vergangenheit angeschaut (siehe Grafik). Das Ergebnis ist eindeutig. In den letzten fünfzig Jahren besteht ein klarer Zusammenhang zwischen der Konjunktur und den Preisen. Immer dann, wenn die Nachfrage stieg, ging mit einer zeitlichen Verzögerung von ein bis zwei Jahren auch die Inflation nach oben. Immer dann, wenn die Konjunktur schwächer wurde, ließ auch der Preisdruck nach.

Die Zahlen beziehen sich zwar auf Deutschland, weil hier längere Zeitreihen vorliegen. Aber auch, wenn man sich die Verhältnisse im Euroraum anschaut, ist der Befund nicht anders.