Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner „Nicht die Löhne, sondern ein anderer Faktor befeuert die Inflation“

Martin Hüfner

Wer wissen will, wann und wie stark die Inflation steigt, schaut heute meist auf die Löhne. So lange sie sich so wenig erhöhen wie derzeit, wird auch die Geldentwertung nicht nach oben gehen. Das ist es, was man derzeit landauf landab nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch in den USA und in Japan zu hören bekommt. Es ist einer der Gründe, weshalb sich die Zentralbanken mit dem Abschied aus der ultralockeren Geldpolitik so viel Zeit lassen.

Aber ist es auch richtig? Ich möchte hier ein paar Zweifel anmelden. Ich glaube nämlich, dass diese Betrachtungsweise der Vergangenheit angehört. Jedenfalls gilt sie heute nur noch eingeschränkt. Die Bedeutung der Löhne für die Preisentwicklung wird überschätzt. Stattdessen wird ein anderer Faktor – die Entwicklung an den Weltmärkten – unterschätzt.

Rohstoffpreise und Inflation in der Eurozone

Jeweils gleitende Durchschnitte

Hüfner/Eurostat, IWF

Natürlich sind die Löhne immer noch der wichtigste Kostenfaktor in einer Volkswirtschaft. Je höher die Löhne, umso höher die Preise. Das ist unbestritten. Das Problem aber ist, dass die Löhne heute aus strukturellen Gründen nicht mehr so stark steigen wie früher. Vor allem haben sie sich von der zyklischen Entwicklung weitgehend abgekoppelt. Die berühmte "Phillips-Kurve", die den Zusammenhang zwischen Konjunktur, Löhnen und Inflation abbildet und die in den vergangenen Jahren eine der Grundlagen der modernen Inflationstheorie war, funktioniert nicht mehr so wie gewohnt. Trotz bester Konjunktur gehen die Löhne heute nur um 2 % bis 3 % nach oben. Die Knappheit an Facharbeitern, die eigentlich die Löhne nach oben treiben müsste, ist in den Statistiken kaum zu merken. Damit kann man die Löhne auch nicht mehr als Indikator für inflationäres Potenzial heranziehen.

Offenbar haben die Arbeitnehmer heute Angst um ihre Jobs, wenn sie zu aggressiv höhere Löhne verlangen. Das ist sicher kein kurzfristiges Phänomen, sondern hängt mit der demografischen Alterung (auch der Gewerkschaftsmitglieder) zusammen.