Ausschütten oder thesaurieren? Wie sich Anleger für die richtige Anteilsklasse entscheiden

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Gerd Kommer ist Honorar-Finanzanlagenberater und Geschäftsführer von Gerd Kommer Invest Foto: Gerd Kommer Invest

Da es von vielen Investmentfonds – seien es aktiv gemanagte Fonds oder ETFs – sowohl eine ausschüttende als auch eine thesaurierende Variante gibt, steht ein Anleger grundsätzlich vor der Frage, welche der beiden Fondsvarianten er wählen soll. Bei ausschüttenden Fonds (nachfolgend der Einfachheit halber "A-Fonds" genannt) werden die Zins- oder Dividendenzahlungen der Wertpapiere im Fonds nach Abzug der Steuern an die Anleger ausgeschüttet. Der Wert eines Fondsanteils vermindert sich um die Ausschüttungen.

Im Falle von thesaurierenden Fonds (nachfolgend "T-Fonds") bezieht der Fonds diese laufenden Erträge zwar ebenfalls, gibt sie jedoch nicht unmittelbar an die Anleger weiter, sondern reinvestiert ("thesauriert") sie ins Fondsvermögen. Damit nimmt der Fondsanteilswert in Höhe dieser laufenden Erträge abzüglich Steuern im Zeitablauf zu.

Im nachfolgenden Text gehen wir primär auf Aktienfonds ein. Ein großer Teil der hier beschriebenen Sachverhalte und Argumente gilt jedoch analog für Anleihefonds (Rentenfonds). Gleichwohl ist die Entscheidung zwischen A-Fonds und T-Fonds in der gegenwärtigen Niedrigzinslandschaft für die meisten Privatanleger in der Praxis weniger bedeutsam.

Um die Frage angemessen zu beantworten, welche Ausschüttungsart bei einem Fonds – ausschüttend oder thesaurierend – zu bevorzugen ist, muss man eine Reihe unterschiedlicher Konstellationen unterscheiden, denn die Antwort hängt letztlich von der jeweiligen Konstellation ab. Aus unserer Sicht gilt es drei Grundkonstellationen zu unterscheiden. Bevor wir auf diese der Reihe nach eingehen, müssen wir noch drei allgemeine Sachverhalte auseinanderdröseln.

— Wenn ein Anleger aus einem Fonds, einem Portfolio aus Fonds oder einzelnen Wertpapieren Cash abzieht, ist das ökonomisch eine "Entnahme". Ob diese Entnahme im Wege des Empfangs einer Dividende geschieht oder im Wege des Verkaufs eines Fondsanteils bzw. eines Wertpapiers (Aktie oder Anleihe), ist wirtschaftlich zunächst unerheblich. In allen Fällen ist es das Geld des Anlegers, das aus dem Portfolio abfließt. Dividenden als Quelle von Entnahmen haben gegenüber Entnahmen via Anteilsverkäufen – vorbehaltlich möglicher Unterschiede bei Steuern (je nach Steuerjurisdiktion) und Transaktionskosten – keine Vorteile. (Auf etwaige Unterschiede bei Steuern und Transaktionskosten in Bezug auf Entnahmen aus einem Fondsportfolio gehen wir nachfolgend ein. [1])

Demnächst werden wir uns mit der in der wissenschaftlichen Literatur vielfach untersuchten "Dividend Fallacy" befassen, also dem verbreiteten Irrglauben, dass Aktien mit hoher Dividendenrendite primär oder allein aufgrund ihrer hohen Dividendenrendite höhere Gesamtrenditen produzieren als äquivalente Aktien mit niedriger Dividendenrendite. Zwei weitere interessante Aspekte der Dividend Fallacy sind: Für eine nennenswerte Zahl von Privatanlegern ist eine Gesamtrendite von – sagen wir 10 Prozent – gefühlt wertvoller, wenn sie aus 7 Prozent Kursgewinnen und 3 Prozent Dividenden besteht als eine Gesamtrendite "nur" aus 10 Prozent Kursgewinnen. Damit verwandt empfinden viele Privatanleger eine Entnahme via Dividende "irgendwie" weniger als Reduktion ihres Portfoliovermögens als eine betragsgleiche Entnahme via Anteilsverkauf. Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen sind irrational, weil rein ökonomisch nicht begründbar, aber sie sind real.