Behavioral Finance Hans-Jörg Naumer: Diese 3 Gründe halten vom Sparen für die Altersvorsorge ab

Nilpferde, Maulwurf, Makake: Dass so wenig Geld für das Alter zurückgelegt wird, hat drei Gründe, sagt Michael Naumer von AGI | © Uli Stoll Outdoor-Fotografie / info@parknplay.de/<a href='http://www.pixelio.de/' target='_blank'>pixelio.de</a> (Mitte), Getty Images

Nilpferde, Maulwurf, Makake: Dass so wenig Geld für das Alter zurückgelegt wird, hat drei Gründe, sagt Michael Naumer von AGI Foto: Uli Stoll Outdoor-Fotografie / info@parknplay.de/pixelio.de (Mitte), Getty Images

Hans-Jörg Naumer

Die demographisch rückläufige Entwicklung in den Industriestaaten wird durch die Niedrig-, wenn nicht sogar Negativrenditen noch verschärft, da sie die Altersvorsorge erschweren. Dabei könnte Altersvorsorge so einfach sein, wenn die Erkenntnisse der Behavioral Finance angewandt würden. Diese Praxisstudie zeigt wie es gehen kann und wie die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie für die Altersvorsorge umgesetzt werden können – sei es durch die Politik, sei es im direkten Beratungsprozess.

Hilfen zur Selbstüberlistung

Das auf die Altersvorsorge spezialisierte „Behavioral Finance Center“ von Allianz Global Investors hat dafür einen stringent auf der Verhaltensökonomie basierenden Beratungsprozess entwickelt, auf dessen Grundlage sehr erfolgreich Vorsorgeberater geschult werden. Dieser Prozess setzt an drei Verhaltensmuster an, die den Anlegern bei der (richtigen) Allokation von Vermögenswerten ebenso im Wege stehen wie bei der Altersvorsorge:

  • die Trägheit („inertia“),
  • die Verlustaversion („loss aversion“), und
  • die Kurzsichtigkeit („myopia“).

Keine Entscheidung treffen zu müssen, ist die bequemste „Entscheidung“. Diese Trägheit ist auch der Grund, warum es in Deutschland nur ca. 12% Organspender in der Bevölkerung gibt, während nahezu jeder Österreicher ein Organspender ist. Mit kultureller Prägung ist das nicht zu begründen, sondern mit dem „Opt-in“ bzw. dem „Opt-out“. In Deutschland müssen die Bürger sich gezielt entscheiden, Organspender zu werden („Opt-in“). In Österreich sind sie per Gesetz Organspender, können dem aber Widersprechen („Opt-out“).

Die Verlustaversion, entwickelt von Kahneman und Tversky, steht ganz am Anfang der Verhaltensökonomie. Sie hat die Erkenntnis mit sich gebracht, dass ein Verlust in absoluten Einheiten mehr wiegt, als ein Gewinn in gleichem Umfang an Freude bringt. Nicht nur das. Bei der Geldanlage neigen Menschen zudem dazu, die Performance aus der Vergangenheit der letzten zwölf Monate abzulesen, statt sich nach ihren zukünftigen Erwartungen und der Performance über ihren eigentlichen Anlagezeitraum zu orientieren. Sie nehmen also die Wertentwicklung über einen verkürzten Zeitraum wahr, wobei die Verluste stärker ins Gewicht fallen als die Gewinne.

„Kurzsichtigkeit“: Evolutionsbedingt leben wir im Hier und Jetzt. Wir wollen eine sofortige Befriedigung unserer Bedürfnisse („instant satisfaction“) und empfinden Sparen als Verlust. 100 Euro im Sparplan sind eben 100 Euro, die uns heute nicht zum Konsum zur Verfügung stehen.

Schlechte Karten also für die Altersvorsorge?

Unsere Kollegen vom AllianzGI Center of Behavioral Finance adressieren bei ihren Beraterschulungen diese drei Verhaltensmuster sehr bewusst und leiten daraus ihre Empfehlungen ab, wie Menschen geholfen werden kann, die Vorsorgefalle zu umschiffen, sich also selbst zu überlisten:

  • Überwinde die Trägheit mit Einfachheit.
  • Überwinde die Verlustaversion mit Risikomanagement.
  • Überwinde die Kurzsichtigkeit, indem die eigene Zukunft greifbar gemacht wird.

Was bedeutet das konkret?

  1. Überwinde die Trägheit des Vorsorgenden mit Komplexitätsreduktion und einer besseren Entscheidungsarchitektur auf Seiten des Produktangebots. Die Empfehlungen: Vorsorgepläne der Arbeitgeber sollten auf Opt-out umgestellt werden. Bei der Investitionsentscheidung sollten nur wenige Entscheidungen erforderlich sein. Per Voreinstellung sollte den Vorsorgesparern ein entsprechend ihrem Risikoprofil passendes Multi-Asset-Produkt vorgeschlagen werden, gemäß der Erkenntnis, dass ca. 90% der Menschen froh über eine konkrete Lösung sind, weniger als 10% diese etwas ihren Bedürfnissen anpassen wollen und nur ca. 1% die vollkommene Entscheidung über die Allokation bevorzugen.
  2. Die Überwindung der Verlustaversion beginnt schon bei der Entscheidung, wie der Arbeitgeber seinen Anteil bemisst: als absoluten Betrag oder anteilig zum Sparbeitrag des Arbeitnehmers? Lobt der Arbeitgeber einen fixen Betrag aus („50 Euro“), ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Arbeitnehmer den gleichen Betrag einzahlt (also wie im Beispiel ebenfalls 50 Euro). Der „Verlust“ wird geteilt und als fair empfunden. Setzt der Arbeitgeber aber eine relative Förderung fest (10% vom Arbeitnehmerbeitrag, ggf. mit Kappung) ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Arbeitnehmer den Mitnahmeeffekt maximiert und mehr anspart.
    Auch der Sparbeitrag zu Beginn sollte verhaltensökonomisch optimiert werden. Motto: Lieber heute weniger, dafür aber morgen mehr. Denn ein zukünftiger „Verlust“ wird weniger als Verlust wahrgenommen (Zeitpräferenz). Es wird Geld gespart, das man ohnehin noch nicht hatte. Die Dynamisierung sollte deshalb entlang zukünftiger Gehaltssteigerungen vorgenommen werden.
    Die Verlustaversion sollte auch beim Reporting aufgegriffen werden: Zu den Performancedaten des abgelaufenen Jahres sollten die Sparer auch eine Berechnung erhalten, wie sich ihr Ansparplan entsprechend ihrer Risikoneigung in Zukunft entwickeln dürfte und was an monatlichen Zahlungen erwarten werden kann. Das hilft, über mögliche kurz- bis mittelfristige Verluste, zum Beispiel auf Sicht des vergangenen Jahres, hinweg auf den eigentlichen Anlagehorizont zu schauen.
  3. Dieses sogenannte „Lifetime Statement“ dient auch die Überwindung der „Kursichtigkeit“. Um diese zu überwinden, sollten schon im Beratungsprozess Fragen durchgespielt werden, die helfen, sich den in der Zukunft liegenden Nutzen möglichst konkret vorzustellen: „Was wäre, wenn sich das Altersvorsorgeprodukt in dieser Richtung weiterentwickelt? Welchen Betrag hätten Sie pro Monat mehr? Was könnten Sie alles mit dem Geld anfangen (Weltreise, Enkelkinder verwöhnen, neues Auto, …)?“ Dadurch wird das zukünftige Ergebnis greifbarer.

Erfolgsfaktor: Verhaltensökonomie

Wie die Erfahrungswerte zeigen, können die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie sehr vorteilhaft im Sinne der Vorsorge genutzt werden. Tatsächlich tun sie nichts anderes, als den Vorsorgesparern bei der Selbst-Überlistung zu helfen.

Verbunden mit der Erkenntnis, dass ohne Risikoprämie kein Wohlstand zu erreichen ist, liefert die Verhaltensökonomie wertvolle Erkenntnisse zur Lösung des Altersvorsorgeproblems.