Bernhard Wenger: „Anleger sollten sich je nach Marktsituation für Gold oder Silber entscheiden“

Bernhard Wenger

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DAS INVESTMENT.com: Welche Trends beobachten Sie gerade am Goldmarkt?

Bernhard Wenger: Derzeit bestimmen zwei, zeitlich zu unterscheidende, Trends den Goldmarkt: Seit Oktober vergangenen Jahres ist der Goldpreis unter Druck, da die Investoren ein stärkeres Wirtschaftswachstum und ein Ende der lockeren Geldpolitik in den USA erwartet haben. Daher waren vor allem zyklischere, risikoreichere Anlageklassen gefragt.

Langfristig sehen wir die Aussichten für Gold aber weiterhin intakt. Denn die Fundamentaldaten sprechen für einen stabilen beziehungsweise steigenden Goldpreis. Die Staatsverschuldung vieler Industrienationen ist unverändert besorgniserregend hoch. Risikoaverse Investoren werden ihr Portfolio damit weiterhin mit Gold gegen Inflation und die Folgen der Schuldenkrise absichern. Zudem halten die niedrigen Zinsen die Opportunitätskosten für ein Investment in Gold gering.

Angesichts von Inflationsraten oberhalb des Zinsniveaus hat Gold teilweise sogar real einen Kostenvorteil. Auch steht der kontinuierlichen Ausweitung der Geldmenge ein unverändert knappes Angebot des Edelmetalls gegenüber. Seit 2008 hat sich die Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB) verdoppelt, die Bilanz der US-Notenbank sogar verdreifacht. Die Goldförderung dagegen ist im vergangenen Jahrzehnt nur um etwa neun Prozent gewachsen.

DAS INVESTMENT.com: Nach dem April-Preisrutsch könnte man meinen, dass insbesondere institutionelle Anleger den Preistrend beim Gold bestimmen. Ist es für Sie wichtig, deren Investitionsverhalten besonders im Blick zu haben?

Wenger: Ja, wir stehen natürlich in engem Kontakt zu unseren Investoren und beobachten die Mittelflüsse in ETPs, weil wir sie für einen guten Indikator für den Gesamtmarkt halten. Der Preisrutsch im April spielt hier allerdings keine Rolle. Denn dies war eine Sondersituation, die vor allem auf spekulative Investoren zurückzuführen ist.

Der Goldpreis hat damals infolge von Gerüchten und negativen Nachrichten wichtige charttechnische Marken und Schwellenwerte durchbrochen, die automatische Verkäufe über Verkaufsorder mit Kursuntergrenzen (Stop-Loss-Orders) und damit eine Abwärtsspirale ausgelöst haben. Für uns und die meisten unserer Anleger in den Goldprodukten sind dagegen die fundamentalen Marktentwicklungen wichtiger.

Rund einen Monat nach dem Kursrutsch lässt sich so festhalten: Die Aufregung hat sich gelegt. So hat beispielsweise die US-Notenbank entgegen der Gerüchte von Mitte April, ein Ende der quantitativen Lockerung bislang nicht angekündigt. Auch haben die Zentralbanken ihre Goldreserven bislang nicht verkauft; im Gegenteil, Emerging Market Zentralbanken kaufen weiterhin dazu.

DAS INVESTMENT.com: Bevorzugen Sie derzeit andere Edelmetalle als Gold?

Wenger: Das hängt stark von den Investmentzielen ab. Wie gesagt, sehen wir die fundamentalen Daten bei Gold unverändert positiv. Wir sind daher überzeugt, dass Gold weiterhin der sichere Hafen für Investoren ist und in jedem langfristig ausgerichteten Portfolio seinen Platz haben sollte.

Kurzfristig bieten allerdings andere Edelmetalle attraktive Rendite-Chancen. Beispielsweise profitieren Platin und Palladium von der hohen Nachfrage aus der Automobilindustrie und können sich gerade derzeit infolge der Streiksaison in Südafrika und eines dadurch verknappten Angebots verteuern.  

DAS INVESTMENT.com: Wird der Goldpreis sich dieses Jahr noch erholen?

Wenger: Kurzfristig wird der Goldpreis sicherlich volatil bleiben und kann auch noch fallen. Allerdings sieht unser Research die langfristige Entwicklung des Goldpreises weiterhin positiv. Angesichts einer unsicheren wirtschaftlichen Erholung in den USA und der anhaltenden Schwäche in der Eurozone werden die Zentralbanken ihre lockere Geldpolitik voraussichtlich weiter verfolgen.

Es gibt daher weiterhin für langfristige, sicherheitsorientierte Anleger wenige Alternativen zu Gold. Hinzu kommt: Die physische Nachfrage nach Gold ist zuletzt stark gestiegen. Infolge des wachsenden Wohlstands fragen Indien und China das Edelmetall stark nach. Ihre Einfuhren betrugen 2012 jeweils mehr als 800 Tonnen.

Zum Vergleich: 2002 flossen hierhin erst rund 600 beziehungsweise 200 Tonnen des Edelmetalls. Dieser Trend wird mit dem weiter steigenden Wohlstand in den aufstrebenden Volkswirtschaften voraussichtlich anhalten. Die 1.600-Marke sollte durchaus wieder erreicht werden, allerdings ist es unklar ob noch in diesem Jahr.

DAS INVESTMENT.com: Welche „Game Changer“ könnten künftig den Goldpreis maßgeblich beeinflussen? Sind es die Zentralbanken, die zunehmend aufkaufen?

Wenger: Wir sehen nicht, dass sich die Marktsituation bei Gold für einen Kursanstieg grundlegend ändern muss. Denn die Fundamentaldaten sind unseres Erachtens weiter intakt. Sobald dies wieder stärker in das Bewusstsein der Märkte rückt oder einzelne Krisen und sich zuspitzende Marktentwicklungen den Bedarf an sicheren Anlagealternativen steigern, werden auch die Investments in Gold wieder zunehmen und die Kurse anziehen. Aber Sie haben Recht: Die andauernden Zukäufe der Zentralbanken sind ein weiteres Indiz dafür, dass die Fundamentaldaten einen höheren Goldkurs unterstützen.

So bauen die weltweiten Zentralbanken seit drei Jahren wieder ihre Goldreserven aus statt sie aufzulösen. Das Angebot des Edelmetalls verknappt sich damit. Insbesondere die Zentralbanken in den wachstumsstarken Ländern wie China und Indien haben großen Nachholbedarf: Der Goldanteil an den Zentralbankreserven ist hier erheblich niedriger als in den entwickelten Industrienationen.