Big Data und Künstliche Intelligenz „Digitalisierung stellt Gesundheitsmarkt auf den Kopf“

Globale Gesundheitskosten (Säulengrafik, rechte Skala) und ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (Chart, linke Skala). Quelle: WHO Global Health Expenditure Database 2018, World Development Indicators, abgerufen am 10. März 2018, Sectoral. | © Sectoral Asset Management

Globale Gesundheitskosten (Säulengrafik, rechte Skala) und ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (Chart, linke Skala). Quelle: WHO Global Health Expenditure Database 2018, World Development Indicators, abgerufen am 10. März 2018, Sectoral. Foto: Sectoral Asset Management

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Vasilios Tsimiklis, Sectoral Asset Management

DAS INVESTMENT: Digitalisierung erfasst auch den Gesundheitssektor. Werden demnächst alle Patientendaten für jedermann verfügbar sein?

Vasilios Tsimiklis: Rein theoretisch ist das möglich, ja. Aber bislang sind nur sehr wenige Länder auf diesem Stand. Ein Beispiel ist Estland. Dennoch beobachten wir, dass der digitale Wandel im Gesundheitswesen mehr und mehr um sich greift. Vor wenigen Jahren war das noch undenkbar. Viele Patientenakten wurden händisch geführt. Mittlerweile fließen hoch Investitionen in die Bereiche Big Data und Künstliche Intelligenz, unter anderem von Seiten der Versicherungswirtschaft oder der Arzneimittelhersteller. Wir gehen davon aus, dass allein die Umsatzerlöse des Marktes für Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen von 2016 bis 2024 von 800 Millionen auf über 10 Milliarden US-Dollar steigen werden.

Was versprechen sich die Unternehmen davon?

Allen gemein ist die Idee, die Qualität und Verfügbarkeit von Pflegeleistungen zu verbessern. Aber es geht auch darum, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Die Digitalisierung hat ja nicht nur dazu geführt, dass immer mehr Daten online verfügbar sind. Unsere Fähigkeit, diese riesigen Datenmengen auszuwerten, hat sich in den letzten Jahren extrem verbessert. Entsprechend besser können wir sie entschlüsseln und daraus die entscheidenden Schlüsse ziehen.

Und welche wären das?

Arzneimittelentwickler könnten über vernetzte Geräte mehr reale Daten sammeln und so die Wirksamkeit von Medikamenten außerhalb des klinischen Umfelds und im Verlauf von mehreren Jahren dokumentieren. Das würde helfen, Kostenerstattungen für innovative Medikamente durchzusetzen, die über den normalen Leistungsstandard hinausgehen. Letztlich könnten die Hersteller dafür am Markt dann auch höhere Preise ansetzen und entsprechend mehr Gewinn erzielen.

Innovative Pharmafirmen würde also profitieren. Was hätten die Patienten davon?

Wirkstoffentwicklungen werden in Zukunft durch die Digitalisierung schneller vonstattengehen. Patienten würden davon profitieren. Die Aussichten auf Erfolg von klinischen Studien wären höher, da die Firmen gezielter geeignete Testpersonen auswählen könnten. Für Leute, die an einer seltenen oder bislang als unheilbar geltenden Krankheit leiden, ist das ein Lichtblick. Entsprechend geringer wären die Entwicklungskosten. Wir gehen davon aus, dass durch die Digitalisierung die Gesundheitskosten weltweit eingedämmt werden können. Wenn man sich deren sprunghafte Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren ansieht, wäre das ein echter Benefit.

Ist das nicht zu optimistisch gedacht?

Nein. Die Frage ist eher, wann es soweit sein wird. Was den Bereich der Arzneimittelforschung angeht, ist der Nutzen der Digitalisierung tatsächlich noch blanke Theorie. Es gibt noch einige Hindernisse zu überwinden. Das Thema Digitalisierung ist ja hochsensibel, beispielsweise in Hinblick auf die Frage der Datensicherheit. Allerdings sollten wir bei diesem Thema in größeren Zeiträumen denken. In den nächsten ein oder zwei Jahren wird der Nutzen von Big Data für den Gesundheitssektor sicherlich kaum spürbar sein, auch nicht in fünf. Aber in zehn Jahren könnte die Sache anders aussehen.