Bill Gross: A Man in the Mirror

William H. Gross, Managing Director von Pimco

William H. Gross, Managing Director von Pimco

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“I’m starting with the man in the mirror
I’m asking him to change his ways
And no message could have been any clearer
If you wanna make the world a better place
Take a look at yourself, and then make a…
Chaaaaaaaange“ … -Michael Jackson


A Man in the Mirror

Bin ich ein großartiger Investor? Um Ernest Hemingway in Fiesta zu zitieren: „Ganz schön, sich das auszumalen, nicht wahr?“ Leider ist diese Überzeugung häufig meilenweit von der Wirklichkeit entfernt. Beim Blick in den Spiegel bewertet sich der Durchschnittsmensch auf einer Skala von eins bis zehn in der Regel mit einer Sechs plus oder einer Sieben.

Dabei werden die große Nase oder das schwach ausgeprägte Kinn durch die leuchtenden Augen oder die nahezu perfekten Zähne aufgewogen. Und bei der Befragung der Allgemeinheit werden die laut geäußerten Komplimente gegenüber der nahezu verstummten oder geflüsterten Kritik als überragendes Vertrauensvotum interpretiert. Dies trifft ebenfalls auf die Vermögensverwalter zu sowie vermutlich auf jede andere Berufsgruppe, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht.

Während die heftige Kritik über die Blogs und die ambitionierten Wettbewerber erfolgt, wird die eigene mentale und physische Punkteliste von Komplimenten dominiert. Neben der Hoffnung ist es das, was uns von Tag zu Tag am Leben hält. Wir betrachten unser Spiegelbild und sehen ein Profil, das derart weit von der Realität entfernt ist, als blickte man in einen verzerrten Spiegel auf einem Jahrmarkt.

Zahlen lügen nicht

Dennoch wird den Akteuren im Vermögensmanagement-Business eine gewisse Gnade zuteil: Wir verfügen über Zahlen. Neben subjektiven Wahrnehmungen können wir uns auf Gesamtertrags- und Alpha-Historien berufen, die belegen, wie viel besser ein Investor oder ein Unternehmen im Vergleich zur Konkurrenz abgeschnitten hat, und falls dies nicht zutrifft, dann zumindest, welch exzellenter Ertrag gegenüber der Inflation generiert wurde, und falls dies ebenfalls nicht zutrifft, dann, welch umfangreicher Mehrwert gegenüber Barmitteln erzielt wurde ...

Es scheint endlos viele Vergleiche zu geben, deren Schlussfolgerungen nahezu immer positiv sind: Jeder entspricht seiner eigenen Meinung nach mindestens einer Sechs plus oder einer Sieben, und wenn nicht im vergangenen Jahr, dann zumindest in Bezug auf die vergangenen drei, fünf oder zehn Jahre. Investoren sind von diesen Zahlen abhängig und interpretieren sie bei der Betrachtung ihres Spiegelbilds stets zu ihren Gunsten.

Nicht mit dem Strom schwimmen

Das Anlegerpublikum unterliegt häufig einer ähnlichen Täuschung. Denn während die Berater davor warnen, mit dem Strom zu schwimmen und die Auswahl eines Unternehmens oder eines Investors auf Basis der jüngsten Erfahrungen zu treffen, sieht die Realität meist anders aus.

Landet eine Münze bei drei aufeinanderfolgenden Würfen stets mit dem „Kopf“ nach oben, rechnet die Allgemeinheit trotz der offensichtlichen 50/50-Wahrscheinlichkeit beim nächsten Münzwurf erneut mit einem „Kopf“; das Gleiche gilt für 13 aufeinanderfolgende Jahre einer Outperformance gegenüber dem S&P 500, gefolgt von ... Nun, Sie wissen, worauf ich hinaus möchte. Zurückgreifend auf meine einleitende Frage, ob ich ein großartiger Investor bin, liegt die Überlegung nahe, ob sich dies auch in Bezug auf andere, ähnlich bekannte Ikonen behaupten lässt.

Peter Lynch, der Philosoph

Dabei scheint es vielleicht, als hätte man mehr Zeit, den eigenen wunden Punkt bloßzustellen, je länger man bereits in diesem Geschäft tätig ist – ganz gleich, wo dieser liegen und worin er bestehen mag. Der ehemalige Investmentfondsmanager von Fidelity, Peter Lynch, war in einem Aspekt sicherlich brillant: Er wusste auszusteigen, wenn es sich am meisten lohnte. Wie seine „Kaufe, was Du am besten kennst“-Philosophie allerdings die Dotcom-Blase oder die Lehman-/Subprime-Krise überstanden hätte, steht auf einem anderen Blatt.

Aus diesem Grund gilt es, bei der objektiven Bestätigung der „Großartigkeit“ eines Vermögensverwalters stets den Zeitpunkt und die Dauer seines Erfolgs kritisch zu betrachten. Zehn Jahre, 20 Jahre, 30 Jahre? Wie viele Münzen müssen geworfen werden, bevor die Anreihung aus Köpfen darauf schließen lässt, dass es sich um eine Münze mit zwei Köpfen handeln muss, belegt mit einem philosophischen/allgemeinen Vorurteil, das die langfristige Wahrscheinlichkeit deutlich zugunsten eines bestimmten Unternehmens oder einer Einzelperson auslegt?

40 Jahre reichen nicht

Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass ich mir nach 40 recht erfolgreichen Jahren immer noch nicht sicher bin, ob ich oder Pimco zu den „Großartigen“ zählen. Auch weiß ich nicht, ob sich dies in Bezug auf irgendjemanden behaupten lässt, auch nicht in Bezug auf Warren Buffett, und zwar aus folgendem Grund:

Die Vermögensanlage und ihr Erfolg werden vorwiegend auf zyklischer oder sogar auf langfristiger Basis beurteilt. Ganz gleich, ob es sich um einen top-down- oder einen bottom-up-orientierten Anleger handelt, der in Anleihen, Aktien oder privates Eigenkapital investiert: Bei der gängigen Analyse wird ein Anleger oder sein Unternehmen im Allgemeinen aufgrund dessen beurteilt, wie er beziehungsweise es sich während der Bullen- und Bärenzyklen verhielt.

Schichteten sie zum richtigen Zeitpunkt auf Barmittel um? Kauften sie Wachstumsaktien, deren Bewertungen niedrig waren? Verlängerten sie die Duration, als die Renditen auf ihrem Hochpunkt angelangt waren? Erwarben sie Value-Aktien zum richtigen Preis? Wie dem auch sei: Solange die Zahlen auf ein recht konstantes Alpha mit unterdurchschnittlichen Risiken und attraktivem Informationsstand hindeuteten, konnte es bis in die Hall of Fame der Anleger nicht mehr weit sein.

Der Börsen-Thron ist verwaist

War die Fähigkeit eines Investors, sich an die „vier Jahreszeiten“ des Markts anzupassen, nicht Beweis genug, dass es sich dabei nicht nur um reines Glück gehandelt haben kann? Und wenn sich diese vier Jahreszeiten über eine Reihe von Bullen- und Bärenzyklen oder sogar über mehrere Jahrzehnte erstreckten, sollte kurz darauf eine Bestätigung oder eine Krönung erfolgt sein: vom Marktkenner zum Magier und schließlich zum König. Oh, wie schön es doch wäre, König zu sein.

Lassen Sie mich jedoch eines anmerken: Es weilt kein Bond-König, Aktien-König oder Investment-Souverän unter uns, der Anspruch auf einen Thron hätte. Denn jeder von uns, selbst alte Hasen wie Buffett, Soros, Fuss, und ja – auch ich, hat seine Laufbahn im vielleicht vorteilhaftesten Zeitraum begonnen, im attraktivsten Zeitalter, das Anleger erfahren durften.