Biotech-Medikamente: Krieg durch die Hintertür

Zweitägige Ausstellung von Porträts geheilter Hepatitis-C-Patienten am Londoner Leicester Square im Jahr 2005 (Foto: Getty Images)

Zweitägige Ausstellung von Porträts geheilter Hepatitis-C-Patienten am Londoner Leicester Square im Jahr 2005 (Foto: Getty Images)

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Es ist nur eine Randnotiz auf ihrer Tour durch die deutschen Buchläden. Vor Kurzem erschien Christiane Felscherinows Buch „Mein zweites Leben“. Vor über 30 Jahren war die heute 51-Jährige unter dem Namen Christiane F. Deutschlands bekanntester süchtiger Teenager.

Auch heute nimmt sie nach eigener Aussage noch regelmäßig gewisse Substanzen und hin und wieder Heroin. Dagegen erscheint ihre Krankheit fast zweitrangig. Tödlich ist sie trotzdem: Christiane F. hat Hepatitis C.

Die Leberentzündung gehört zu den bisher nur schwer oder gar nicht heilbaren Krankheiten. Neben Krebs, Aids, Alzheimer, Parkinson. Doch es gibt einen Wirtschaftszweig, der sich dem Kampf gegen diese Übel verschrieben hat. Und damit natürlich auch gute Geschäfte machen will. Es ist die Biotechnologie.

Seit Kurzem legt sie auf der Suche nach neuen Medikamenten ein enormes Tempo vor. Rückenwind gibt die Aufsichtsbehörde Food and Drug Administration (FDA), die den Zulassungsweg für Medikamente in den USA gelockert hat.

„2011 hat die FDA über 30 neue Substanzen zugelassen und 2012 sogar 39“, berichtet Harald Schwarz, geschäftsführender Gesellschafter der Münchner Medical Strategy. Sein Unternehmen ist für einen der erfolgreichsten Biotechnologie-Fonds verantwortlich, den FCP OP Medical Biohealth Trends.

Schwarz und seine Konkurrenten tummeln sich in einer Branche mit derzeit jeder Menge Kursraketen. Ein nicht ganz neues Bild: Um die Jahrtausendwende waren die Notierungen schon einmal nach oben geschossen.

Nach kurzem Aufleuchten verschwanden sie danach für Jahre im Börsenkeller. Genau wie Hightech-Aktien. Der Grund war derselbe: „Damals herrschte vor allem die Fantasie. Heute schreiben die Unternehmen dagegen echte Gewinne“, meint Harald Kober, Manager des Espa Stock Biotec.

Rund 70 Prozent der neu zugelassenen Medikamente kommen heute aus Biotech-Laboren, jedes zweite Präparat ist der Erstling einer neuen Generation („First in Class“). Das kann man sich vorstellen wie im Krieg.

Bei klassischen Medikamenten prallen Antikörper oder Wirkstoffe auf Krebszellen oder Viren wie Armeen in der Schlacht. Die Chemotherapie soll Krebszellen wie eine Artillerie wegbomben.  Dabei walzt sie aber auch lebenswichtige Funktionen platt – Chemo belastet den Körper enorm.

Arzneimittel auf biotechnischer Basis hingegen führen den Krieg durch die Hintertür. Ihre Hersteller versuchen, Aufbau und Funktion der Feinde zu verstehen, um sie präzise – wie mit Spionen hinter feindlichen Linien – kampfunfähig zu machen. Und zwar nur die Feinde und nichts anderes. Manchmal schaltet ein ganz bestimmtes Molekül eine ganz bestimmte Funktion ab – und die Zelle stirbt. So ist zumindest der Plan.

Einige Erfolge peilt hier beispielsweise das amerikanische Unternehmen Celldex Therapeutics an. „Es hat vier Medikamente in der klinischen Entwicklung, alle vier mit neuartigen Wirkmechanismen“, sagt Evan McCulloch, der den Franklin Biotechnology Discovery managt.

Bei zweien von ihnen – eins gegen Hirntumore und eins gegen Brustkrebs – gebe es bereits Fortschritte. Erste Studien hätten gute Ergebnisse gebracht. Auch Harald Schwarz mag Celldex und erwähnt das neuartige Krebsmedikament CDX-1127. Es soll nicht nur die Tumorzellen direkt schädigen, sondern auch das Abwehrsystem des Patienten dazu bringen, den Tumor als Feind zu erkennen und anzugreifen.

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