BKC-Experte blickt auf Osteuropas Schwellenländer „Warum im Osten für uns die Sonne aufgeht“

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Wir sind daher sowohl in Ungarn, Polen wie auch in Tschechien in Hart- als auch in Lokalwährung mit hoher Überzeugung investiert. Unser Exposure in Euro stellt eher eine Halteposition da, während die Anleihen in Lokalwährungen nach der jüngsten Abwertung aus unserer Sicht sehr interessant sind. Polen hat zum Beispiel rechtzeitig auf wichtige Zukunftsbranchen gesetzt.

Sogenannte Shared-Service-Center, aber auch von westlichen Firmen ausgelagerte IT-Abteilungen und Callcenter, sind dort ein wichtiger Wirtschaftszweig. Die Branche beschäftigt bereits rund 250.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Schweizer Bank UBS zum Beispiel betreibt Shared-Service-Center in Krakau (Kraków) und Breslau (Wroclaw) mit 3.500 Mitarbeitern, die Credit Suisse verfügt in Breslau gar über einen Hub mit 4.000 Angestellten. Der deutsche Autozulieferer ZF Friedrichshafen wird die Buchhaltung aller deutschen und europäischen Standorte bis 2020 im südpolnischen Tschenstochau bündeln.

Die Gründe für die Verlagerungen liegen in einem Mix von Standortvorteilen:  Die jungen Nachwuchskräfte sind gut ausgebildet und meist überaus motiviert, die Löhne befinden sich erst etwa auf dem Niveau von Portugal, die politischen Verhältnisse sind trotz einiger Unwägbarkeiten insgesamt stabil. Auch ist der gegenwärtige Aufschwung recht breit angelegt, der Privatkonsum boomt vor allem wegen starker Lohnsteigerungen. Dennoch sind die Lohnstückkosten als Indikator für die internationale Wettbewerbsfähigkeit bisher nicht oder kaum gestiegen. Zum robusten Konsum gesellen sich zudem anziehende Investitionen - sowohl von privaten Firmen wie von staatlicher Seite durch den Einsatz von EU-Strukturhilfen. Und alle drei genannten Länder haften nicht für Risiken der Eurozone.

Natürlich darf man aber auch nicht die Risiken aus dem Blick verlieren. So ist eine Herausforderung sicher die langfristige demografische Entwicklung. Diese wird auch durch die Abwanderung vor allem der Jungen und Gebildeten verschärft, eine ähnliche Entwicklung gibt es auch in Ostdeutschland. In manchen Regionen Osteuropas werden bereits wie in West-Deutschland Fachkräfte händeringend gesucht. Ein Fachkräftemangel im Osten – das mag für westliche Ohren ungewohnt klingen. Aber das Phänomen beherrscht die wirtschaftspolitischen Diskussionen auch in Tschechien, der Slowakei und Polen.

Visegrad-Länder senken Arbeitslosigkeit

Denn in allen Visegrad-Ländern hat sich die Arbeitslosigkeit in letzter Zeit deutlich verringert. Polen verzeichnet die niedrigste Arbeitslosenquote seit dem Fall des Eisernen Vorhangs (3,8 Prozent), Tschechien weist mit 2,2 Prozent sogar die niedrigste Quote in der EU auf, und Ungarn liegt mit 3,7 Prozent derzeit auf Rang vier (Zahlen April 2018). Schattenseite ist aber eben ein leergefegter Arbeitsmarkt. Ebenfalls die starke einseitige Ausrichtung auf und Abhängigkeit vom Automobilsektor in Tschechien und der Slowakei ist kritisch zu betrachten.

Differenziert muss man auch die Frage nach der Governance und der politischen Lage beantworten. Es gibt insgesamt eine recht hohe politische Stabilität und geringe Unsicherheiten in Polen und Ungarn. Die Regierungen haben derzeit klare Mandate der Bevölkerungen, hingegen gibt es mehr Unwägbarkeiten in Tschechien, zum Beispiel eine schwierige Regierungsbildung. Das ist die eine Seite. Nicht verschweigen sollte man auf der anderen Seite, dass Fragen der Rechtsstaatlichkeit in Polen und Ungarn auf der Agenda stehen, sie bedürfen aber einer differenzierteren Betrachtung als die oft vorschnellen Urteile der Medien in Deutschland suggerieren.

Spricht man zum Beispiel mit Menschen in Polen, ist die Wahrnehmung zu vielen innenpolitischen Entwicklungen oft eine andere als die Bewertungen und Beurteilungen in westlichen Medien vermuten lassen. Belehrungen von oben herab aus Deutschland kommen auch vor dem Hintergrund der Geschichte und der historischen Entwicklungen bei unseren östlichen Nachbarn nicht gut an und sind wenig hilfreich. Und bis zum Jahr 2016 (letzte verfügbare Werte) haben sich in Tschechien und Polen auch wichtige Indikatoren wie Korruptionskontrolle, Government Effectivness, Politische und Regulatorische Qualität und die "Rule of Law" stetig verbessert.

Dennoch ist uns bei der BKC Asset Management klar, dass wir mit unserem Osteuropa-Engagement nicht unbedingt dem Mainstream folgen. Aber das ist für uns auch nicht entscheidend. Wie heißt doch ein altes polnisches Sprichwort: Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen.