BlackRock-Kapitalmarktstratege Felix Herrmann „Japan ist noch nicht ganz über den Berg“

Passanten in Tokio: Japans Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 1,6 Prozent gewachsen. | © Getty Images

Passanten in Tokio: Japans Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um 1,6 Prozent gewachsen. Foto: Getty Images

Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock

Herr Herrmann, Japans Wirtschaft befindet sich nach langer Durststrecke wieder auf dem aufsteigenden Ast. Wie bewerten Sie die Entwicklung?

Felix Herrmann: In Japan herrscht das freundlichste Wirtschaftsklima seit mehr als 25 Jahren. Nach der jahrzehntelangen Rezession mit geringem Realwachstum und Deflation freuen sich Investoren rund um den Globus über den Aufschwung. Vergangenes Jahr ist das Bruttoinlandsprodukt um 1,6 Prozent gestiegen. Dieses Plus bewegt sich zwar nicht in der Größenordnung Deutschlands oder der USA, angesichts der demographischen Probleme Japans ist es jedoch beachtlich.

Wie sieht es am Arbeitsmarkt aus?

Herrmann: Die Arbeitslosenquote liegt in Japan mit nur 2,7 Prozent unter dem deutschen Niveau. Auf jeden Bewerber kommen im Moment 1,6 Stellen. Das schlägt sich auch im privaten Konsum und der Investitionstätigkeit der Unternehmen nieder. Inflation – auch in niedrigen Bereichen – ist Schmierstoff für Volkswirtschaften. Wenn die Preise steigen sind Unternehmen eher gewillt, ihre Investitionen zu erhöhen.

Ist das Wachstum nachhaltig?

Herrmann: Die erfreuliche Entwicklung dürfte anhalten. Japan und zehn weitere Länder haben den Vertrag zur Transpazifischen Partnerschaft (TPP) unterzeichnet – zum zweiten Mal, diesmal ohne die USA. Dem Pakt gehören neben Japan Australien, Brunei, Chile, Kanada, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Singapur und Vietnam an. Mit der Unterzeichnung öffnet sich Japan den internationalen Märkten noch weiter, wovon die Wirtschaft vor dem Hintergrund des Handelsprotektionismus der USA nur profitieren kann.

Ein weiterer wichtiger Motor der japanischen Wirtschaft sind die Olympischen Spiele in Tokio im Jahr 2020. Sowohl die privaten als auch die öffentlichen Investitionen in Infrastruktur dürften steigen. Nächstes Jahr erhält die japanische Wirtschaft wahrscheinlich einen kleinen Dämpfer. Die Masse der Investitionen dürfte dann bereits getätigt sein. Im Jahr der Olympischen Spiele selbst dürfte das Bruttoinlandsprodukt jedoch wieder stärker steigen.

Also haben Anleger Grund zum Optimismus?

Herrmann: Es gibt viele Gründe, optimistisch in die Zukunft zu sehen. Zu hoffnungsvoll sollten Anleger jedoch auch nicht sein: Der Wirtschaftsaufschwung geht auch auf die Kappe der starken Weltkonjunktur. Sie wirkt wie ein Magnet. Zudem befindet sich Japan noch in einer relativ frühen Phase der Erholung. Die nächsten Monate werden zeigen, ob das Pflänzchen weiter wächst.

Kommen wir zum demographischen Problem Japans. Wann wird es eng am Arbeitsmarkt?

Herrmann: Schwer zu sagen. Der Bevölkerungsschwund ist aufgrund der fehlenden Immigration noch viel dramatischer als in Deutschland. Premierminister Shinzō Abe muss schon jetzt Löcher in den Sozialkassen stopfen. Die kommenden Monate seiner Amtszeit werden voraussichtlich weiter von wirtschaftlichen Rehabilitationsmaßnahmen geprägt sein, dann dürfte das Thema Demographie ganz oben auf die Agenda rücken.

Mit welchen Problemen kämpft Japan noch?

Herrmann: Vergangenes Jahr hat der Yen etwas aufgewertet. Wenn sich der Trend fortsetzt, könnte die Inflation ins Stocken geraten und den Aufwärtstrend an den Aktienmärkten bremsen.