Blick auf die Märkte „Zentralbanken verunsichern Anleger“

Martin Lück, Chef-Investmentstratege bei Blackrock in Deutschland

Martin Lück, Chef-Investmentstratege bei Blackrock in Deutschland

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Die Ereignisse der letzten Woche liefern erneut Belege dafür, dass die sich zuletzt abzeichnende Beruhigung der Aktienmärkte auf wackeligen Füßen steht. In einem Umfeld uneinheitlicher Signale aus Wirtschaft und Politik gaben die Indizes der westlichen Welt einen Teil ihrer Kursaufholung wieder ab.

Der deutsche Aktienindex Dax beendete die Woche mit einem Minus von 1,8 Prozent. Sein europäisches Pendant Eurostoxx 50 verlor 1,4 Prozent. Beim amerikanischen Börsenbarometer Dow Jones waren es 1,3 Prozent. Der Dax wurde von den schwachen Auftragseingangszahlen der deutschen Industrie, den Äußerungen des Bostoner Fed-Präsidenten Eric Rosengren, der sich für eine Zinserhöhung aussprach, und dem erneuten Sinkflug des Ölpreises ins Minus gerissen.

Zwar sind die Wirtschaftsdaten im weiteren Wochenverlauf relativiert worden, der Aktienmarkt holte die schwache erste Wochenhälfte aber nicht mehr auf. Fazit: Für viele Anleger ist das Glas immer noch halb leer.

Britische Aktien überholen kontinentaleuropäische Papiere

Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass der mögliche Austritt des Vereinten Königreiches aus der Europäischen Union (EU), der sogenannte Brexit, den britischen Aktienmarkt bisher viel weniger beeinflusst hat als die Aktienmärkte Kontinentaleuropas. Der britische Aktienindex FTSE 100 hat seine über den Verlauf des ersten Quartals erlittenen Verluste inzwischen fast vollständig aufgeholt, während der Dax seit Jahresanfang immer noch gut 10 Prozent im Minus liegt.

Angesichts dieser Zahlen fragen sich viele Anleger: „Haben vielleicht sogar die Analysten recht, die dem Vereinigten Königreich eine blühende Zukunft versprechen, wenn es sich nur aus dem ungeliebten Verbund der EU löst?“

Zumindest müsste man dann die recht klare Sprache, die der Devisenmarkt in diesem Zusammenhang spricht, nämlich eine Abwertung des Pfund gegenüber dem Euro um rund 10 Prozent seit Jahresbeginn, rein konjunkturtechnisch und weniger strukturell begründen. Etwa in dem Sinne, dass eine schwächere Währung den Gewinnmargen britischer Unternehmen im Vergleich zu ihren kontinentaleuropäischen Pendants mehr helfen würde.

Aber selbst bei dieser Interpretation bleibt der Eindruck, dass Aktien- und Währungsmärkte bis dato zu unterschiedlichen Einschätzungen des Brexit-Risikos gelangen.

EU-Befürworter haben in Großbritannien kaum Chancen

Das Risiko eines Brexits steigt jeden Tag. Denn die Überzeugungskraft, die britische EU-Befürworter aus dem europäischen Management der Flüchtlingskrise, dem Umgang mit Renationalisierungstendenzen in Ungarn und Polen oder der Eurokrise zu schöpfen vermögen, hält sich in Grenzen.

Eines ist sicher: Das Schreckensbild des Brexit stellt die Stabilität oder gar Aufwertung des Euro-Dollar-Wechselkurses bis zum Jahresende infrage. Sollte Großbritannien aus der EU austreten, dürfte der Euro gegenüber dem Dollar kräftig an Wert verlieren.

Was bedeutet das für Anleger?

Anleger sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Volatilität an den Aktienmärkten in den kommenden Monaten schubartig steigen dürfte. Hierzu trägt vor allem die wechselhafte Kommunikation der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) bei. Statt mit glaubwürdiger Politik die Märkte zu beruhigen, wirken die Statements des Instituts zuletzt oft reaktiv.

So beruhigte eine als sehr vorsichtig empfundene Rede der Fed-Chefin Janet Yellen vorletzte Woche die Märkte, um eine Woche später durch die angesprochenen Rosengren-Äußerungen doch auf schneller bevorstehende Zinserhöhungen eingestellt zu werden.