Börsenblatt Die axiomatische Methode: Der Unterschied zwischen Glück und Können im Asset Management

Dr. Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH

Dr. Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH

Auf die Methodenfrage gibt es mehrere Antworten. Es gibt keinen alleinseligmachenden Stil, sich an der Börse zurechtzufinden. Aber jeder Investor, der einmal seinen Stil gefunden hat, ist gut beraten, dabei zu bleiben.

Eyb&Wallwitz verfolgt seit Jahren die axiomatische Methode. Die von Mathematiker David Hilbert entwickelte Methode, ist ursprünglich im Rahmen der Grundlagenkrise der Mathematik um 1900 ausformuliert worden und beschreibt ziemlich genau, wie rationale Menschen überhaupt vorgehen, wenn sie sich in einer komplexen Umwelt bewegen. Bei der Methode gilt es zunächst einmal, die grundlegenden Tatsachen freizulegen, die von Mathematikern Axiome genannt werden. Welches sind die allgemein nachvollziehbaren, mit Experimenten belegbaren Fakten? Wenn diese klar sind, ist es nur noch Sache einer sauberen Logik, um die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Für das Asset Management bedeutet diese Methode einen permanenten Rückgang auf die Tatsachen, die den Entscheidungen zu Grunde liegen. Denn anders als in der Mathematik ändern sich die Prämissen, das Umfeld und die Fakten ständig. Dabei liegt die Schwierigkeit darin, wesentliches von unwesentlichem, Fakten von alternativen Fakten zu unterscheiden. In der Finanzwelt wird ständig ein Paradigmenwechsel ausgerufen, meist ohne Begründung. Denn nur wenn die wesentlichen drei oder vier Treiber des Marktes identifiziert werden (mehr sind es mittel- und langfristig nicht), können Investitionen sinnvoll darauf ausgerichtet werden. Aus diesem Grunde nannte Leonard Nelson (der Hausphilosoph von David Hilbert) die axiomatische Methode regressiv: Sie ist stetig unterwegs zu den Anfangsgründen, die aller Bewegung zu Grunde liegen.

Fatal sind an den Börsen hingegen alle Methoden, die Nelson progressiv nennt, also solche, die von einmal gewonnenen Standpunkten nicht mehr ablassen und dann mit den immer selben Argumenten zu den immer selben Ergebnissen kommen. Solche Methoden sind in bestimmten Marktphasen erfolgreich, aber nie über den Zyklus.

So zentral die mathematischen Methoden in unserem zahlengetriebenen Geschäft sind – sowohl beim Auffinden der Grundbedingungen des Marktes, als auch bei der Ableitung der Schlüsse – wir müssen uns immer darüber klar sein, dass auch die Logik ihre Grenzen hat. Andernfalls erliegen wir der Illusion einer Scheingenauigkeit, die bei der ersten Konfrontation mit der Realität in sich zusammenfällt.

Wenn wir uns derzeit die Märkte ansehen, so stellen wir fest, dass einige der grundlegenden Parameter der letzten Jahre hinterfragt werden müssen. In den letzten Jahren ließ sich die ökonomische Situation in der westlichen Welt als „Zeitalter der Stagnation“ beschreiben. Dies war das wesentliche Axiom, von dem aus wir unsere Investitionen getätigt haben. Allerdings haben sich in den letzten Monaten (und nicht erst seit der Wahl von Trump) die Anzeichen verdichtet, dass die Nachfrage deutlich angezogen hat, dass die Zinsen ihren Tiefpunkt gesehen haben und dass die Industrieproduktion angesprungen ist.

Ob es schon an der Zeit ist, das alte Stagnations-Paradigma zu verabschieden, muss sich noch zeigen. Ein großer Teil der gegenwärtigen Hausse an den Börsen ist der Erleichterung zu verdanken, dass Trump bislang im Wesentlichen mit sich selbst und (was vielleicht dasselbe ist) seinem Twitter-Account beschäftigt war und nicht etwa (wie angekündigt) einen Handelskrieg mit China begonnen oder die nordamerikanische Freihandelszone aufgekündigt hat.

Kurz, wir befinden uns in einer spannenden Phase. Es könnte sein, dass wir gerade dabei sind, den Finanzkrisen-Modus, der die Börsen in den vergangenen 10 Jahren geprägt hat, hinter uns zu lassen.

Den vollständigen Text des aktuellen Börsenblattes finden Sie hier.