Börsenkommentar „Aktien-Anleger sollten auf günstigere Einstiegsmöglichkeiten warten“

Trader an der Börse in Frankfurt am Main | © Getty Images

Trader an der Börse in Frankfurt am Main Foto: Getty Images

Steven Bell, Chefvolkswirt bei BMO Global Asset Management

Die derzeit positive Entwicklung der Unternehmensgewinne stützt die Aktienkurse. Im ersten Quartal dieses Jahres übertrafen die Ergebnisse von 70 Prozent der US-Firmen die Erwartungen der Analysten, bei europäischen Konzernen lag dieser Anteil so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Die Gewinne europäischer Unternehmen stiegen im Schnitt um 28 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Quartal, in den USA waren es im gleichen Zeitraum 15 Prozent.

Bei allen Diskussionen über eine Überhitzung der Aktienmärkte: Aus den Quartalsergebnissen lässt sich das nicht ableiten. Sollten die Unternehmen ihre Gewinndynamik beibehalten und die Erwartungen weiterhin übertreffen, dann werden die Marktbewertungen nicht länger zu hoch, sondern eher moderat erscheinen. Die Berichtssaison für den S&P 500 ist im vollen Gange und das Ertragswachstum bei 11 Prozent wird liegen. Das wäre das vierte Quartal in Folge, in dem die Gewinne zulegen würden.

Das Wirtschaftswachstum lässt nach

Sehr aufmerksam verfolgen ich und mein Team die politische Situation in den USA, wo Präsident Donald Trump damit zu kämpfen hat, seine Pläne für eine Steuerreform und höhere Infrastrukturausgaben auf den Weg zu bringen. Das Tempo der Reflation ist erlahmt und entspricht mittlerweile mehr dem einer Ente als einem springenden Tiger.

Der US-Dollar hat seit Ende vergangenen Jahres an den Devisenmärkten mehr oder weniger kontinuierlich an Wert verloren, die Aktien der internationalen Großkonzerne überflügeln die der Small- und Mid-Caps und der nach der Wahl im November einsetzende Börsenaufschwung in einzelnen Sektoren wie etwa bei Finanztiteln hat nachgelassen oder ist gänzlich zum Erliegen gekommen.

Außerdem sind einige Konjunkturindikatoren wie das US-Verbrauchervertrauen unter die Höchststände gerutscht, die sie nach der Wahl Trumps erreicht hatten. Hinzu kommt, dass sich das Tempo der chinesischen Volkswirtschaft – einem weiteren Wachstumstreiber für die Weltwirtschaft – verlangsamt hat.

Aktien haben sich widerstandsfähig gezeigt

Dennoch haben sich Aktien bislang durch die Bank weg als widerstandsfähig erwiesen. Und das, obwohl sich die Höhenflüge an den Aktienmärkten bislang noch nicht in Investitionen der Unternehmen oder höhere staatliche Ausgaben niedergeschlagen haben. In manchen Bereichen sind die Erwartungen mittlerweile so pessimistisch, dass dies Raum für positive Überraschungen bietet.

Im Gegensatz zu den USA beginnen sich die politischen Risiken in Europa nach der Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Staatspräsidenten zu zerstreuen. Zumal Angela Merkel in den Umfragen zur anstehenden Bundestagswahl im September deutlich führt und es Anzeichen dafür gibt, dass die deutsch-französische Achse in der Europäischen Union gestärkt daraus hervorgehen werde. Das ist ein gutes Zeichen für die Integration und die Stärke der europäischen Märkte.

Disziplin gefragt: Einstiegszeitpunkt kommt

Unter dem Strich bleiben zwei Faktoren, die zuversichtlich hinsichtlich Risikoanlagen stimmen: die zunehmend dynamische Gewinnentwicklung der Unternehmen und das zwar nur moderate, aber dennoch erkennbar positive Wirtschaftswachstum. Dies bestärkt uns in unserer grundsätzlich positiven Einschätzung für Aktien.

Dennoch empfehle ich, Aktien im Portfolio nur moderat überzugewichten: Wir denken, dass der Markt die bestehenden politischen Risiken nicht in angemessener Weise berücksichtigt und einpreist. Gleichzeitig beschäftigt uns die Selbstzufriedenheit vieler Marktakteure aufgrund der guten Gewinnentwicklung vieler Unternehmen und der zurückgegangenen Volatilität.

In den kommenden Wochen und Monaten könnten sich nach meiner Einschätzung bessere Möglichkeiten für einen Einstieg ergeben: Derzeit signalisieren nur wenige Indikatoren eine günstige Bewertung. Daher sollten Investoren Dividendentitel weiterhin im Blick behalten, aber auf günstigere Einstiegsmöglichkeiten warten.