Brasilien nach der Fußball-WM Wirtschaft im Stimmungstief

Wolf Rütger Teuscher, Seniorvolkswirt bei der Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank

Wolf Rütger Teuscher, Seniorvolkswirt bei der Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank

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Brasilien muss nach der Fußball-Weltmeisterschaft eine Riesenenttäuschung verkraften: Seine Selecao hat nicht wie so sehnlichst erhofft im eigenen Land den Titel geholt. Vielmehr muss das fußballbegeisterte Land nach der hohen Niederlage im Halbfinale nun totalen Frust und grenzenlose Enttäuschung verkraften. Als wäre der Fußball ein Spiegel für die wirtschaftliche Verfassung des Landes, gab es zuletzt auch über die Konjunktur und das Wachstum Brasiliens nur ernüchterndes zu berichten.

Im Jahreseingangsquartal 2014 hatte die Gesamtwirtschaft mit einem Zuwachs von plus 0,2 Prozent zum Vorquartal kaum mehr als stagniert, obwohl viel Bautätigkeit stattgefunden hatte, um die Fußballstadien und andere Großbaustellen noch rechtzeitig fertigzustellen. Das zweite Quartal dürfte keine nennenswerte Konjunkturbeschleunigung gebracht haben, zumal eine langanhaltende Hitze- und Dürreperiode die Agrarwirtschaft belastet hat und es zeitweise Knappheiten bei der Energieversorgung gab.

Auch für das gerade begonnene zweite Halbjahr ist den jüngsten Wirtschaftsdaten zufolge bestenfalls auf eine verhaltene Wirtschaftsaktivität zu schließen. Die Stimmung in der Wirtschaft ist schlecht. Die Industrieproduktion (mit Bergbau und Ressourcensektor) etwa tendierte schon in den Frühjahrsmonaten deutlich negativ: Im April und Mai lag sie im Durchschnitt um minus 4 ½ Prozent unter dem Vorjahr.



Beteiligt an diesem Ergebnis ist vor allem die Automobilproduktion, die im zweiten Quartal rund minus 21 Prozent unter ihrem Vorjahresniveau lag. Die Autoindustrie spürt den Nachfrageausfall aus dem krisengeschüttelten Nachbarland Argentinien, aber auch in Brasilien selbst ist die Nachfrage derzeit schwach.

Der fiskal- und geldpolitische Spielraum zum Gegensteuern ist begrenzt. Denn einerseits ist das Budgetdefizit des Staates unter anderem wegen der hohen Ausgaben für die Fußball-WM stark angeschwollen. Auf der anderen Seite zwingen die nach wie vor virulente Inflation sowie der volatile Kapitalmarkt zu restriktiver Geldpolitik.




Sentimentindikatoren nach unten gerichtet


Brasiliens Unternehmen und Konsumenten befinden sich dabei schon seit geraumer Zeit in einem Stimmungstief, das gegen eine schnelle und nachhaltige Konjunkturerholung spricht. Dies gilt nun erst Recht angesichts der kollektiven „Schockstarre“, in die das Land nach der traumatischen Niederlage seiner Fußball-Nationalelf im WM-Halbfinale gefallen ist.

Dabei notiert der viel beachtete Einkaufsmanager-Index der privaten Umfragefirma Markit, der die Einschätzungen zur Geschäftslage und den Absatzerwartungen der Industrie erfasst, bereits seit April unterhalb der neutralen Marke von 50 Punkten. Bei dieser Linie von 50 gleichen sich die skeptischen und positiven Antworten genau aus, was einer stagnierenden realen Wirtschaftslage entspricht.



Der Composite PMI, der mehrere Wirtschaftssektoren zu einem einheitlichen Einkaufsmanagerindex zusammenfasst, notierte zuletzt etwas höher, weil er von den etwas günstigeren Umfragewerten im Servicesektor nach oben gezogen wird. Dieser hat nämlich vor und während des WM-Turniers von der kräftigeren Nachfrage etwa nach Tourismus- und Transportleistungen profitiert und ist im Juni leicht gestiegen auf 51,4 Punkte – den höchsten Wert in diesem Jahr.

Gleichwohl ist davon auszugehen, dass nun nach dem Ende der WM, wenn die Fußballfans und Besucher aus aller Welt wieder zuhause sind, sowohl das Hotel-, Gaststätten- und Tourismusgewerbe und viele andere Servicebereiche sich in ihren Umsatzerwartungen wieder normalisieren, das heißt im Zweifel an Dynamik einbüßen.

Dabei hat sich parallel zu der skeptischen Stimmungstendenz bei den Unternehmen zuletzt auch das Verbrauchervertrauen abgeschwächt. Lange wurde das brasilianische Wachstum von einer dynamischen Konsumnachfrage getragen. Inzwischen haben aber die Verbraucher einige Erschwernisse zu tragen, die das Konsumklima dämpfen.

Zuvorderst zu nennen ist die hartnäckig hohe Inflation im Lande, die sich im Juni auf 6,5 Prozent belief. Bereits seit 2012 notiert sie um 6 Prozent und übersteigt damit die nominalen Lohnzuwächse. Reale Kaufkraftverluste sind die Folge. Die Marke von 6 Prozent sieht die Notenbank als Obergrenze für ihren Zielkorridor der Inflation (4 Prozent plus/ minus 2 Prozent).

Das Erreichen dieser Marke hat ihr dann auch die Rechtfertigung für die neun Zinsschritte seit April 2013 gegeben. Der Leitzins („Selic Rate“) ist dabei um 375 Basispunkte erhöht worden, zuletzt am 2. April 2014 auf 11,0 Prozent.

Dieses Jahr könnte die Notenbank noch einmal an der Zinsschraube drehen, was den Konsum zusätzlich belasten dürfte. Bereits der bisherige Zinserhöhungszyklus hat die Kreditverfügbarkeit und die Kauflaune bei den Verbrauchern stark eingetrübt.

Ihre Zins- und Tilgungsverpflichtungen sind enorm gestiegen, nachdem der hohe kreditfinanzierte Konsum der vergangenen Jahre ihre Verschuldungsquote, gemessen als Anteil an ihren nominalen Einkommen, inzwischen auf 43 Prozent erhöht hat. Diese Quote hat sich damit seit dem Jahr 2005 mehr als verdoppelt. Kritisch für verschuldete Privathaushalte ist, dass die Sollzinsen etwa auf Kreditkarten in Brasilien exorbitant hoch sind. Sie haben zuletzt die sagenhafte Höhe von durchschnittlich 135 Prozent pro Jahr erreicht.

Der zu erwartende nächste Zinsschritt der Notenbank wird aber wohl erst nach den Parlaments- und Präsidentenwahlen im Oktober kommen. Staatspräsidentin Dilma Rousseff hofft dann auf ihre Wiederwahl, die derzeit aber alles andere als sicher scheint. Denn der für das Land nun so enttäuschende Ausgang des Fußballturniers macht die Auflösung der Stimmungskrise nicht einfacher.

Eine immer selbstbewusster gewordene Mittelschicht fragt, ob sich der hohe Aufwand des Staates für die Stadien und die Infrastrukturmaßnahmen zur WM von rund 12 Milliarden US-Dollar überhaupt gelohnt hat. Auf jeden Fall gingen diese Ausgaben zu Lasten anderer Projekte, die in den Augen vieler Brasilianer mehr Nutzen gestiftet hätten als die teure WM.

Jene unter ihnen, die im letzten und auch in diesem Jahr protestierend auf die Straße gegangen sind, denken da etwa an das mangelhafte Nahverkehrsnetz, die störungsanfällige Energieversorgung, Ausfälle an Schulen und die Überlastungen im Gesundheitssystem. Jetzt, wo der WM-Trubel abebbt, richtet sich der Blick der normalen Bürger rasch wieder auf die üblichen Alltagssorgen und jene Probleme, für die Lösungen noch ausstehen.

Ein Sentiment getriebener Aufschwung in Brasilien erscheint vor diesem Hintergrund und erst Recht nach dem verpassten Titelgewinn kaum möglich. Im Gegenteil könnte die Protestlaune vor den Wahlen im Oktober wieder ansteigen, um die Politiker endlich zu konstruktiven Lösungen aufzufordern.

Trendwachstum war zuletzt rückläufig


Mit der Fußball-WM hat die Welt wie mit einem Brennglas auf Brasilien geschaut. Im Vorfeld und während des fünfwöchigen Großereignisses sind erneut und sehr plastisch zahlreiche Engpassfaktoren deutlich geworden, die die wirtschaftliche Dynamik des Landes in den letzten Jahren immer wieder abgebremst haben.

Nach wie vor gehört das Land zu den Schwellenländern, denen überdurchschnittlich hohe Wachstumschancen zugemessen werden können. Vom Internationalen Währungsfond wird Brasiliens Potenzialwachstumsrate derzeit immerhin auf rund 3 ½ Prozent geschätzt. Diese Rate wäre also langfristig und stetig realisierbar, ohne dass dadurch die Inflation sich beschleunigen müsste.

Ein Blick auf Brasiliens realisiertes Wachstum in den letzten 25 Jahren macht zweierlei deutlich: Auf der einen Seite war das durchschnittliche Wachstum zeitweise durchaus höher als in aufstrebenden Ländern, an denen Brasilien sich misst (den sogenannte „Peers“). So hat das Land von 2001 bis 2010 mit 3 ¾ Prozent jahresdurchschnittlichem Wachstum sein Wachstumspotenzial im Ganzen ausgeschöpft und dabei auch seinen Konkurrenten Mexiko zeitweise überflügelt.

Auch im Vergleich zur Wachstumsrate etwa Südafrikas war die jährliche Zuwachsrate in Brasilen bis vor kurzem höher. Andererseits verläuft jedoch seit 2011 die Wachstumsdynamik in Brasilien zunehmend gedämpfter und das Wachstumspotenzial wird nicht mehr ausgeschöpft. Dabei ist das brasilianische Trendwachstum vor allem gegenüber anderen lateinamerikanischen Schwellenländern deutlich gesunken. Mexiko und Chile etwa konnten demgegenüber ihr Wachstum sogar beschleunigen.



Unter den so genannten Brics-Ländern, also den größeren Schwellenländern, hat Brasilien derzeit den schwächsten Wachstumstrend. Dies ist längerfristig deshalb bedeutsam, als Brasilien einen Teil seiner so genannten „demographischen Dividende“ verspielen könnte, wenn das gesamtwirtschaftliche Wachstum weiter relativ zu niedrig bleibt: Noch ist das brasilianische Arbeitskräftereservoir recht jung und damit auch die „Alterspyramide“ geprägt von der Überzahl der jungen Generation.

Relativ viele junge Arbeitskräfte stützen mit ihren Einkommen und Konsumausgaben das gesamtwirtschaftliche Wachstum und bauen einen Kapitalstock für die Sozial -und Rentenversicherung auf. Aber auch in Brasilien macht sich inzwischen ein Geburtenrückgang bemerkbar.

Zur Finanzierung der künftigen Alterslasten kann also nicht mehr unbedingt darauf vertraut werden, dass sich das gesamtwirtschaftliche und beitragspflichtige Beschäftigungsvolumen allein aus demographischen Gründen ständig erweitert. Der einsetzende demographische Umschwung ist gerade dabei, die potenzielle Wachstumsrate des Landes etwas nach unten zu korrigieren.

Wachstumsbremsend ist auch, dass die verfügbaren Arbeitskräfte in vielen Fällen besser ausgebildet sein könnten. Bessere Fremdsprachenkenntnisse (Englisch) sind vonnöten. Andere Länder wie etwa Korea haben hier durch intensive Investitionen in das Bildungssystem später enorme Wachstumsgewinne realisieren können. In Brasilien besteht in dieser Hinsicht ein deutlicher Nachholbedarf.

Auch durch die Tatsache, dass die Vorteile aus der Zuwanderung von besonders qualifizierten Arbeitskräften zu wenig genutzt werden, verschenkt Brasilien kostbare Wachstumspunkte. Dabei hat das Land durchaus eine Reihe von zukunftsträchtigen Industrie-Clustern, die ein Wachstum stützen könnten, das weniger als bisher auf den großen Rohstoffund Agrarsektor baut und mehr inländisches „Value-added“ erbringt.