Bundestagswahl Was ein Kanzler Schulz für die Märkte bedeutet

SPD-Politiker Willy Brandt 1969. Nach jüngsten Umfragewerten für SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hoffen Parteigenossen vielleicht schon auf ähnliche Wahlergebnisse wie zu Zeiten Brandts, der bei der Bundestagswahl 1972 mit 45,8 Prozent der Stimmen als Bundeskanzler bestätigt wurde. | © Getty Images

SPD-Politiker Willy Brandt 1969. Nach jüngsten Umfragewerten für SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hoffen Parteigenossen vielleicht schon auf ähnliche Wahlergebnisse wie zu Zeiten Brandts, der bei der Bundestagswahl 1972 mit 45,8 Prozent der Stimmen als Bundeskanzler bestätigt wurde. Foto: Getty Images

Seit November 2005 ist Angela Merkel Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Anfang des Jahres schien es noch ziemlich klar, dass sich auch mit den diesjährigen Bundestagswahlen an der aktuellen Regierungskoalition kaum etwas ändern dürfte. Zur Großen Koalition unter Führung von Merkel zeigte sich keine wahre Alternative. Das änderte sich schlagartig, als die SPD Ende Januar Martin Schulz als ihren Kanzlerkanditen präsentierte. Die Umfragewerte für die Sozialdemokraten schossen rund 10 Prozentpunkte nach oben. In einer jüngsten Emnid-Umfrage lag die SPD sogar knapp vor der CDU.

Emnid Umfrage

Hält der Schulz-Hype bis September?

„Die große Frage ist jedoch, ob diese Euphorie bis zum Wahltag am 24. September anhält“, meint Martin Lück. Auch wenn es dahin noch fast sechs Monate sind, hat der Leiter der Kapitalmarktstrategie bei BlackRock zusammen mit seinem Kollegen Felix Herrmann schon einmal darüber gedacht, was ein Wechsel im Kanzlerbüro für Wirtschaft und Finanzmärkte bedeuten könnte. Die beiden sehen einerseits eine ganze Reihe von Gründen die dafür sprechen, dass Schulz es an die Spitze schafft. Zum Beispiel, dass er mit seinem starken Fokus auf soziale Gerechtigkeit viele Nicht-Wähler und potenzielle AfD-Wähler anspricht, aber auch dass Merkel Unterstützung im konservativen Wählerspektrum durch Energiewende und Flüchtlingspolitik verloren hat und der Knatsch zwischen CDU und CSU der SPD entgegen kommt.

„Andererseits hat der Hype um Schulz sehr früh begonnen, vielleicht zu früh in einem langen Wahlkampf“, so Lück. Zudem könne sich seine Vergangenheit als EU-Politiker nachteilig auswirken, da die EU bei Wählern eher unbeliebt ist. Und in Sachen Immigration könne den Wählern bald bewusst werden, dass sich seine Lösungen kaum von denen Merkels unterscheiden.

Umfragewerte SPD

Strenge Sparpolitik in Europa möglicherweise bald vorbei

„Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte könnte der Bundestag aus sechs Parteien bestehen. Auch eine mögliche Drei-Parteien-Koalition wäre ein Novum“, so Lück. In ihrem Kernszenario sehen die BlackRock-Strategen dies jedoch nicht. Mit 40 Prozent rechnen sie der Großen Koalition die größte Wahrscheinlichkeit zu. Ein Bündnis aus SPD, Linkspartei und Grüne sehen sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent.

Allerdings könnte innerhalb der Groko die Kanzlerschaft an Schulz gehen, sollte die SPD vor der CDU liegen. Ein signifikanter Wechsel von angebots- zu nachfrageseitiger Politik erscheint Lück und Herrmann aber auch dann unwahrscheinlich. Eine expansivere Fiskalpolitik allerdings nicht. „Diese würde letztlich zur Verringerung des deutschen Leistungsbilanzüberschusses beitragen“, meint Lück.

Zudem dürfte ein Kanzler Schulz auch über Deutschlands Grenzen hinaus Auswirkungen haben. „Vermutlich würden die Daumenschrauben bei den südlichen Eurozonenstaaten gelockert. Die Machtverhältnisse innerhalb Europas könnten betroffen sein: Gegner der vermeintlichen Austeritätspolitik Merkels hätten mit Schulz wohl einen gewichtigen Fürsprecher“, prognostiziert Lück.