Carmignac-Experte Didier Saint-Georges „Auftakt zu einem Liquiditäts-Engpass“

Didier Saint-Georges ist Mitglied des Investmentkomittees beim französischen Fondshaus Carmignac. | © Carmignac

Didier Saint-Georges ist Mitglied des Investmentkomittees beim französischen Fondshaus Carmignac. Foto: Carmignac

Es mag für eingängige Titelseiten und sensationelle Schlagzeilen eher ungeeignet sein: Aber der grundlegende Wandel, der die Richtung der Finanzmärkte in den kommenden Monaten und Jahren am meisten beeinflussen wird, erfolgt nicht auf politischer, sondern auf geldpolitischer Ebene.

Vor fast zehn Jahren, kam der damals noch schockierende Begriff des „Quantitative Easing“ auf. Für Zentralbanken und allen voran für die US-Notenbank bedeutete das, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben, und die Weltwirtschaft vor dem Untergang zu retten. Eine Senkung der Leitzinsen allein – so drastisch sie auch sein mochte – war in der damaligen Situation offenbar nicht genug. Daher stürzten sich die Zentralbanken in einen nie dagewesenen Ankauf von Staatsanleihen.

Das führte zu steigenden Anleihekursen und, da sich der Preis einer Anleihe und deren Zinsen gegenläufig entwickeln, zu sinkenden Anleiherenditen. Die rückläufigen Zinsen ermutigten die Anleger im Laufe der Jahre dazu, überall nach besseren Renditen zu suchen. Die Märkte für Unternehmensanleihen und die Aktienmärkte profitierten von diesem Hype. In der Zeit von 2008 bis 2018 stieg der amerikanische Aktienindex S&P 500 um rund 200 Prozent, und selbst der europäische Eurostoxx legte um mehr als 60 Prozent zu. All dies trotz durchwachsener Konjunktur und zahlreichen politischen Krisen.

Drei Konsequenzen der Zinswende

Die Zentralbanker hatten für ihre Verhältnisse ungewöhnlich großen Mut bewiesen, indem sie ihre exklusive Macht, Geld zu drucken, zum Ankauf von Finanzwerten nutzten. Diese historisch beispiellose Flut an Liquidität, die so ins System gepumpt wurde, erfreute viele Anleger.

Doch jede schöne Geschichte geht einmal zu Ende.

Seit Anfang 2018 wendet sich das Blatt. Nicht nur, dass die Fed keine Anleihen mehr kauft, sondern sie verkauft sie inzwischen sogar. Aus dem QE für „Quantitative Easing“ wurde ein QT für „Quantitative Tightening“.

Anleger müssen verstehen, dass die Konsequenzen dieser Trendwende in dreierlei Hinsicht entscheidend sind.

  1. Die Sicherheit, die die von den Zentralbanken gestützten Preise der Finanzwerte boten, hatte zur Folge, dass die Risikowahrnehmung und mit ihr die Volatilität sank. Wenn sich die Zentralbanken nun zurückziehen, bereitet das den Boden für steigende Volatilität. Deswegen werden sich externe Impulse politischer oder wirtschaftlicher Natur stärker auf die Märkte auswirken.
  2. Sofern sich nicht neue Käufer in ausreichender Zahl finden, um die Kehrtwende bei den Zentralbank-Interventionen auszugleichen, werden die Zinsen der Staatsanleihen aufwärts tendieren und ihre Preise somit sinken. Die Preise von Aktien und Unternehmensanleihen werden folgen. Dass das Börsenjahr 2018 bereits vom Vorjahr abweicht, ist deutlich zu sehen.
  3. Da die US-Notenbank die erste Zentralbank war, die einen Richtungswechsel vornahm, stellt die Verringerung des Dollar-Angebots den Auftakt für den Liquiditätsengpass dar. Die ersten Opfer dieses Phänomens werden daher die Länder sein, die bei der Finanzierung ihres Defizits vom Dollar abhängen. Die finanziellen Erschütterungen in Argentinien stellen in diesem Zusammenhang eine deutliche Lektion dar.

Selbstverständlich ist jede Revolution in einen Kontext eingebettet, der die Auswirkungen dieser Revolution beeinflusst. Ein robustes Wirtschaftswachstum und ein Anstieg der Inflation insbesondere in den USA würden die Zentralbanken zu einer Beschleunigung ihres Ausstiegs ermutigen. Man darf sich jedoch keine Illusionen machen: Die Anleger können sich nicht mehr ausschließlich auf die Wirtschaft konzentrieren. Sie müssen in Zukunft immer mehr die finanzpolitischen Rahmenbedingungen im Blick behalten.