Chefvolkswirt von Allianz Global Investors über die Deflationsspirale „Steigende Inflationsraten aufgrund eines Basiseffekts beim Ölpreis“

Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt von Allianz Global Investors

Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt von Allianz Global Investors

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DAS INVETSMENT.com: Die jährliche Inflationsrate in den 19 Euro-Ländern liegt wieder im Minusbereich - das Preisniveau ist im September um 0,1 Prozent gesunken. Hat die EZB versagt - trotz ihrer expansiven Geldpolitik?

Stefan Hofrichter: Das wäre ein falscher Rückschluss. Wir sehen definitiv Anzeichen dafür, dass die Maßnahmen erfolgreich waren. Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone liegt über Potential; das Kreditwachstum ist inzwischen wieder positiv, der EZB Lending Survey deutet auf eine weitere, wenn auch verhaltene Verbesserung des Kreditzyklus hin.  

Ohne Zweifel drückt der Entschuldungsprozess in der Eurozone auf das Wachstum. Ein Entschuldungsprozess dauert aber viele Jahre, in denen das Wachstum  und damit auch die Inflation relativ verhalten sind. Die EZB kann durch geldpolitische Maßnahmen lediglich versuchen, diesen Anpassungspfad bestmöglich abzufedern, was sie letztlich auch getan hat.

Die Kerninflationsrate in der Eurozone geht graduell wieder hoch, liegt aktuell bei 0,9 Prozent. Die Gesamtinflationsrate reflektiert eine Schwäche der Rohstoffpreise, insbesondere von Öl. Die Schwäche der Rohstoffpreise ist auf die Wachstumsschwäche in Asien zurückzuführen. Darauf hat die EZB praktisch keinen Einfluss. Wir erwarten aufgrund von Basiseffekten einen Anstieg der Gesamt-Inflationsrate in der Eurozone auf 1.5-2 Prozent ab Anfang 2016.

Schlittert Europa gerade in eine Deflationsspirale? 

Hofrichter: Nein, eine negative Veränderung des Inflationsindex ist nicht identisch mit Deflation. Aktuell reflektiert die niedrige bzw. negative Inflationsrate primär eine Verschiebung relativer Preise; der Ölpreis ist schwach, wohingegen die Preise für Dienstleistungen steigen.  Deflation bedeutet, dass ein Großteil der Preise für Güter und Dienstleistungen fallen und die Inflationserwartungen negativ sind. Dies ist aber nicht der Fall: Umfragen zeigen, dass die langfristigen Inflationserwartungen in der Eurozone weiterhin bei knapp 2 Prozent liegen. Außerdem deuten die Konjunkturdaten auf Wachstum im Bereich von 2 Prozent hin.  

Sollte die EZB ihr QE-Programm ausweiten? 

Hofrichter: Die EZB hat sich im Meeting letzte Woche fast schon dazu bekannt. Aus meiner Sicht ist es nicht zwingend notwendig, denn a) sind die Inflationserwartungen stabil und b) scheinen sich die Konjunkturdaten, insbesondere die Kreditaussichten zu stabilisieren oder gar zu verbessern. Übrigens erwartet die EZB selbst auch steigende Inflationsraten aufgrund eines Basiseffekts beim Ölpreis.