Das große Dax-Gespräch: In drei Jahren bei 10.000 Punkten

Jürgen Meyer

Jürgen Meyer

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DAS INVESTMENT.com: „Like a Satellite”.

Jürgen Meyer: Das ist Lena Meyer-Landrut.

DAS INVESTMENT.com: Stimmt.

Meyer: Ich finde die ganz sympathisch und natürlich.

DAS INVESTMENT.com: Ich auch. Aber wissen Sie was Daimler-Chef Dieter Zetsche jüngst sagte?

Meyer: Nein.

DAS INVESTMENT.com: In diesem Jahr ist es mit der Krise so ähnlich wie mit Lena Meyer-Landrut. Man fragt sich: „Wo ist die plötzlich hin“. So hat Zetsche das gesagt. Wissen Sie, wo sie ist, die Krise?

Meyer: Es ist doch normal an solchen Krisen, dass sie ohne Ansage kommen und verschwinden. Eine Finanzkrise ist keine echte Krise wie etwa ein Krieg. Es ist nichts zerstört worden, es gab keine Toten. Es gab vorher Luftbuchungen. Als diese aufflogen, mussten manche Banken erkennen, dass sie pleite waren. Die hätte es so oder so irgendwann erwischt. Vereinzelt gab es dramatische Nebenwirkungen. Wenn erstklassige Unternehmen ihre Produktion von Gütern, die die Masse braucht, um 50 Prozent drosseln müssen, bekommt man ein mulmiges Gefühl. Aber der natürliche Bedarf setzt sich immer durch. Das sind die Verschnaufpausen. Und so war es auch diesmal. Es ist alles glimpflich abgelaufen.

DAS INVESTMENT.com: Sie sehen einer künftigen Krise gelassen entgegen?

Meyer: Wenn sie so abläuft wie die vergangene auf jeden Fall.

DAS INVESTMENT.com: Und freuen sich, Aktien zu kaufen?

Meyer: Ja, natürlich. Wer in der Krise Aktien gekauft hat, der kommt doch heute aus dem Grinsen gar nicht mehr raus. Selbst wer vor vier Jahren Aktien gekauft hat – also vor der Krise – ist heute im Plus.

DAS INVESTMENT.com: Die Kursgewinne der vergangenen 18 Monate sind daher nur eine logische Konsequenz?

Meyer: Ganz nüchtern betrachtet schon. Es war die natürliche Gegenreaktion auf einen unbegründeten Panikausverkauf. Aber es hat mich überrascht, wie schnell es geht.

DAS INVESTMENT.com: Wie erklären Sie sich diese Geschwindigkeit?

Meyer: Es liegt an der Struktur der deutschen Industrie. Wir haben erstaunlich viele Weltmarktführer. Da können Sie Unternehmen aus dem Dax nehmen, aber auch Nebenwerte und mittelständische Familienunternehmen. Leider wird diese Stärke oftmals als „Exportabhängigkeit“ klein geredet. Und während vielerorts noch von Krise geredet wird, konnten viele dieser Weltmarktführer schon 2010 neue Rekordgewinne erwirtschaften – auch dank florierender Märkte wie China. Darauf haben sich Investoren besonnen.

DAS INVESTMENT.com: Die Abhängigkeit gegenüber China hat stark zugenommen.

Meyer: Das schaut kurzfristig so aus – wäre aber kurzsichtig gedacht. Ja, in einem Umfeld, in dem viele Volkswirtschaften eine Verschnaufpause eingelegt haben, ist China ein Lichtblick. Aber eine starke Abhängigkeit? Das ist Bullshit. China ist momentan wichtig. Wir sollten uns aber nicht der Illusion hingeben, dass die Nachfrage dort ewig wächst. Das ist auch nicht nötig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn der amerikanische Automarkt sich nur auf das Niveau von 2007 erholt, werden dort allein 50 Prozent der Stückzahlen, die die Premiumautoanbieter derzeit in China absetzen, zusätzlich benötigt. Würde der chinesische Markt dann auch noch wachsen, hätte die S-Klasse vier Jahre Lieferzeit. Dann würden auch nur alle jammern.