David Zahn zum Brexit „Das Wahlergebnis steigert die Risikoaversion“

David Zahn, Head of European Fixed Income der Franklin Templeton Fixed Income Group

David Zahn, Head of European Fixed Income der Franklin Templeton Fixed Income Group

// //

Großbritannien hat sich dafür entschieden, die Europäische Union (EU) zu verlassen. Was sind Ihrer Meinung nach die unmittelbaren Folgen?

David Zahn: Ich glaube, dass sich nach der gestrigen Abstimmung die Volatilität an den Finanzmärkten deutlich erhöhen wird. Das Pfund Sterling wird vermutlich nachgeben und es ist unwahrscheinlich, dass sich die Zinssätze in Großbritannien in nächster Zeit ändern werden, da diese Entscheidung das Anlegervertrauen enorm untergraben dürfte.

Ungewissheit ist Gift für die Märkte und bei einer Abstimmung über einen Brexit gibt es eine große Zahl an ungewissen Faktoren: Es stellt sich nicht nur die Frage, wie sich diese Situation entwickeln wird, sondern sogar, wer sich damit auseinandersetzen muss.

Unserer Ansicht nach ist es wichtig, unter Anlagegesichtspunkten eine langfristige Sichtweise einzunehmen, selbst wenn dies angesichts der Volatilität, die gerade an den Märkten herrscht, schwierig ist. Wir werden genau darauf achten, was die Politiker tun, denn danach werden sich die Märkte wahrscheinlich richten.

Wir raten Anlegern, diese Gelegenheit zu ergreifen und ihre Portfolios langfristig auszurichten. Wir vertreten die Meinung, dass diese Turbulenzen in den nächsten Wochen und Monaten eine Reihe von Gelegenheiten schaffen werden, da ansonsten attraktive Anlagewerte eventuell von den Kurskapriolen mitgerissen werden.

Was sind die Konsequenzen für die internationalen Märkte?

Zahn: Im Allgemeinen glaube ich, dass dieses Ergebnis die Risikoaversion steigert. Das heißt, ich gehe davon aus, dass Anlagewerte wie Aktien und Unternehmensanleihen, die Anleger als „riskant“ einschätzen, sich schwächer entwickeln werden. Daher wird es meiner Meinung nach eine Flucht in Qualität geben, also in Anlagen, die als weniger riskant wahrgenommen werden, insbesondere britische und deutsche Staatsanleihen.

Ich rechne damit, dass den schwächeren Volkswirtschaften in der Eurozone und in der breiter gefassten EU Konsequenzen drohen, wobei sich die Anleihenspreads bei Staaten der europäischen Peripherie voraussichtlich ausweiten werden. Außerdem glaube ich, dass der Euro abwerten wird, allerdings nicht so sehr wie das Pfund, da die Bürger die Zukunft des EU-Projekts in Frage stellen.

Was bedeutet die gestrige Entscheidung für die Zukunft der EU und der Eurozone?

Zahn: Ich denke, die Frage ist, wie die EU mit diesem Ergebnis umgeht. Wenn Großbritannien, die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, nicht mehr in der EU bleiben will, können wir dann damit rechnen, dass andere Mitgliedsstaaten ihre zukünftige Mitgliedschaft in Frage stellen? Es werden wahrscheinlich Zweifel aufkommen, ob die EU in ihrer derzeitigen Form fortbestehen kann.

Nun, da es einen Präzedenzfall dafür gibt, dass Länder die EU verlassen können, richtet sich die Aufmerksamkeit auf all diejenigen Mitglieder, die in der Vergangenheit zunehmende Unzufriedenheit mit ihrer EU-Mitgliedschaft an den Tag legten. In wirtschaftlicher Hinsicht glaube ich, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre lockere Geldpolitik in der Eurozone fortsetzen wird. Falls die Volatilität überhandnimmt, könnte sie Anpassungen vornehmen – vielleicht sogar nur verbaler Art –, aber auch Änderungen am Anleihen-Kaufprogramm wären unter Umständen denkbar.

Welche Anzeichen bzw. Indikatoren sollten Anleger in den nächsten Wochen und Monaten besonders beachten?

Zahn: Das zentrale Element, auf das man meiner Ansicht nach achten sollte, ist die Entwicklung der politischen Landschaft in Großbritannien. Ich rechne damit, dass es einige Veränderungen geben wird, da die amtierende Conservative Party, deren Parlamentsabgeordnete in der Debatte um die EU-Mitgliedschaft gespalten waren, versuchen wird, die Einheit wiederherzustellen. Daneben ist die Reaktion der schottischen Regierung ein Grund zur Sorge für Großbritannien.

Wenn Schottland für einen Verbleib in der EU stimmt und Großbritannien für einen Austritt votiert, könnte Schottland nach Meinung mancher Beobachter auf ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit drängen. Ich glaube, dass die Situation politisch stark aufgeladen sein wird, was Anleger stets nervös macht. Wenn es etwas gibt, das die Finanzmärkte nicht ausstehen können, dann ist es Unsicherheit.