Degussa-Goldhandel-Chefvolkswirt Thorsten Polleit Warum Staatsanleihen unmoralisch sind

Besucher im Museum über Immanuel Kant (Porträtgemälde rechts) im russischen Kaliningrad: Die Lehre des 1804 in Königsberg gestorbenen Philosophen prägt bis heute das Denken über Moral. | © Getty Images

Besucher im Museum über Immanuel Kant (Porträtgemälde rechts) im russischen Kaliningrad: Die Lehre des 1804 in Königsberg gestorbenen Philosophen prägt bis heute das Denken über Moral. Foto: Getty Images

Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei Degussa Goldhandel

Viele Investoren denken darüber nach, wie man ethisch investiert: in was man investiert, damit die daraus erwachsenden Erträge nicht zum Schaden von Menschen und Umwelt sind („vermeidende ethische Anlagen“) und eine politisch-sozial akzeptierte Wirtschaftsweise fördern („fördernde ethische Anlagen“). Professionelle Investoren erarbeiten nicht selten umfangreiche Anforderungslisten, die Investments erfüllen müssen, damit sie als ethisch vertretbar eingestuft werden können.

Als ethisch nicht vertretbar gelten häufig Investitionen in Unternehmen, die zum Beispiel mit Gen- und Waffentechnik Geld verdienen, oder die ihre Gewinne mit Alkohol, Zigaretten und Computerspielen erwirtschaften. Was jedoch erstaunlicherweise in den Listen der ethischen Investments regelmäßig auftaucht sind: Staatsanleihen. Wer genauer nachdenkt, der wird jedoch erkennen, dass Staatsanleihen keine ethischen-moralischen Investments sind. Dazu nachstehend die (streitbare) Erklärung.

Ethisches Handeln ist moralisch

Die Ethik, ein Teilbereich der Philosophie, beschäftigt sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung des menschlichen Handelns. Ethisches Handeln ist, kurz gesprochen, gutes, ist richtiges Handeln, ist moralisch. Der preußische Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) hat das grundlegende Prinzip des ethischen Handelns formuliert: den Kategorischen Imperativ. Der Volksmund kennt ihn im Ausspruch: „Was du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu.“

„[H]andle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ 
Immanuel Kant (1724 – 1804),
Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, IV, 421.

Ethisches Handeln zeichnet sich dadurch aus, dass die handlungsleitenden Regeln für alle überall und jederzeit gelten (und dass das Befolgen der Regeln auch das Überleben der Handelnden sichert). Kann ich beispielsweise wollen, dass das Stehlen erlaubt ist? Stehlen macht jedes Eigentum, auch das der Stehlende anstrebt, unmöglich. Wer stiehlt, nimmt für sich etwas in Anspruch, das er anderen verwehrt. Stehlen kann folglich nicht ethisch sein.

Eigentum respektieren ist ethisch

Doch was qualifiziert sich als ethische Handlungsnorm? Eine Antwort lautet: Ethisch ist das Handeln, das das Eigentum respektiert – Eigentum verstanden als das Selbsteigentum eines jeden an seinem Körper und an den Dingen, die er rechtmäßig, ohne Aggression gegen andere, erwirbt. (Das ist übrigens ein logisch nicht hintergehbares Prinzip: Man kann ihm nicht widersprechen, ohne sich dadurch in einen Selbstwiderspruch zu verstricken.)

Hat man das erkannt, dann wird übrigens auch klar, wie geradezu wunderbar die Idee des freien Marktes aus ethischer Sicht ist. Unverrückbares Kernstück des freien Marktes – oder, um einen „Kampfbegriff“ zu verwenden: des Kapitalismus – ist der unbedingte Respekt vor dem Eigentum: Ein jeder gehört sich selbst, ist Eigentümer seines Körpers und der Früchte der eigenen Hände Arbeit.

Grenzen des richtigen Handelns

Die Grenzen des richtigen Handelns sind damit klar und eindeutig gesetzt: Ich darf mit meinem Handeln nicht Deine körperliche Unversehrtheit und Dein Eigentum schädigen. Gleiches gilt für Dich. Unter dieser Handlungsnorm hat jeder die Freiheit, mit anderen zu handeln, zu kooperieren, und zwar stets auf Basis der wechselseitigen Freiwilligkeit. Das schließt natürlich auch das Recht ein, auf Wunsch in Ruhe gelassen zu werden.

Wer die Handlungsnorm „unbedingter Respekt vor dem Eigentum“ als ethisch akzeptiert, der erkennt weiterhin, dass der Staat (wie wir ihn heute kennen) ein großes Problem ist. Dazu führe man sich zunächst das Wesen des Staates vor Augen. Der US-amerikanische Ökonom, Historiker und Gesellschaftsphilosoph Murray N. Rothbard (1926 – 1995) bietet die folgende (erklärende) Definition an: Der Staat ist der territoriale Zwangsmonopolist mit der Letztentscheidungsmacht über alle Konflikte, die zwischen seinen Bürgern und die zwischen ihm und seinen Bürger auftreten. Und er hat die Macht zur Besteuerung.