„Den Ausverkauf an den Börsen zu selektiven Käufen nutzen“

Peter E. Huber

Peter E. Huber

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Ein typisches Angst-Barometer ist der starke Anstieg der Volatilität in den internationalen Aktienmärkten. So stieg zum Beispiel der V-DAX auf über 40 und damit auf einen Wert, der in der Vergangenheit nur in Phasen extremer Verunsicherung erreicht wurde. Viele ausgesuchte Qualitätsaktien sind plötzlich zu Schnäppchenpreisen zu haben. Sollte man jetzt beherzt diese Chance nutzen oder überwiegen angesichts der ungelösten Probleme weiter die Risiken?

Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst auf die Ursachen für diesen Kurssturz eingehen. Zwei Faktoren haben den Abschwung massiv beschleunigt:

1. Nach zwei schlimmen Baisse-Phasen innerhalb der letzten zehn Jahre haben die meisten institutionellen Anleger Auffangnetze in Form von Risk-Overlay-Systemen entwickelt. Denn eigentlich kann es sich niemand erlauben, ein weiteres Mal mit dem Markt nach unten zu rauschen. Diese Risk-Overlay-Systeme beruhen fast ausschließlich auf technischen Indikatoren und sind vergangenheitsoptimiert. Die Ausstiegssignale liegen deshalb dicht beieinander und haben fast gleichzeitig gegriffen.

2. Computergestützte Handelssysteme, die sekundenschnell reagieren, generieren inzwischen einen Großteil der Börsenumsätze. Auch diese Systeme wirken trendbeschleunigend. Wie geht es jetzt weiter? Es gibt eine Reihe von Hinweisen, dass wir das Schlimmste bereits hinter uns haben:

1. Viele Anleger sind abgesichert und warten darauf, dass die Kurse weiter fallen.

2. Es ist enorm viel „Überliquidität“ im Markt, die von der schwächelnden Wirtschaft gar nicht benötigt wird und deshalb zur Anlage zur Verfügung steht. Deshalb sind in den letzten sechs Monaten auch die Zinsen weltweit drastisch gesunken. Trotz immer schwächerer Bonität hat sich die Rendite 10jähriger Staatsanleihen in Nordamerika, Asien und Europa (mit Ausnahme der „Problemländer“) um mehr als 20 Prozent zurückgebildet – selbst bei Wackelkandidaten wie Frankreich. Erfahrungsgemäß ist das Restrisiko an den Aktienmärkten nach einem solchen Zinsrutsch begrenzt.

3. Die Bewertung anhand fundamentaler Kriterien wie dem Kurs-Buchwert-Verhältnis oder der langfristigen Gewinnentwicklung ist teilweise extrem günstig. In einigen Ländern liegt sie bereits niedriger als im Börsentief 2009, da sich die Unternehmen seitdem sehr positiv entwickelt haben. Der von uns berechnete Fair-Value zeigt, dass viele Börsen derzeit 20 bis 40 Prozent unter ihrem fairen Wert notieren. Dies gilt allerdings nicht für die USA, wo das Kursniveau wahrscheinlich durch die QE-Programme der Notenbank verzerrt ist.

4. Während gute Unternehmensbeteiligungen (Aktien) teilweise über attraktive Dividendenrenditen verfügen, bringen die meisten Anlagealternativen (Staatsanleihen, Gold, Immobilien, Schweizer Franken) heute wenig oder gar keine Rendite. Vor diesem Hintergrund sollte man vorsichtig sein bei Anlagen, die keine oder nur eine geringe Wertschöpfung aufweisen. Satte Kursgewinne sind kein Kaufargument sondern mahnen eher zur Vorsicht.

Fazit: Der Ausverkauf an den Börsen sollte eher zu selektiven Käufen als zu Verkäufen genutzt werden. Vor allem, wenn man über die Eigenschaften eines erfolgreichen Börsianers verfügt: Mut zu antizyklischem Handeln, Disziplin und Ausdauer.