Der Euro ist das Herz der Finsternis

Georg Graf von Wallwitz

Georg Graf von Wallwitz

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In Europa ist es ziemlich finster geworden. Und es ist deutlich zu merken, wie Recht Hegel mit seiner Behauptung hat, dass in der Finsternis die Vernunft wenig ausrichten kann. Die Eule der Minerva hebt in der Abenddämmerung zu ihrem Fluge an und sieht zu, dass sie wieder zu Hause ist, bevor es zu dunkel wird. Nun ist also der Euro zum Herzen der Finsternis geworden. Wir waren sehr naiv

Die Börsenblätter dieses Jahres waren in der Rückschau von einer erheblichen Naivität gekennzeichnet. Wir waren so kindisch, zu glauben, dass eine vernünftige Lösung für das Euro-Problem gefunden würde. Die Euro-Zone (im Folgenden: "Die Zone") insgesamt muss kein Kapital importieren, das Verschuldungsniveau liegt insgesamt weit unterhalb der Wasserstände für die USA, Japan oder das Vereinigte Königreich. Die Neuverschuldung in der Zone ist ebenfalls keine Katastrophe. Der Europäische Kreditmarkt ist tief und es sollte kein Problem sein, sich bei der eigenen Bevölkerung das für die schwierigen Jahre nötige Geld zu besorgen. Das Vermögen der Italiener liegt beim Vierfachen der Staatsschuld, das der Deutschen beim Dreifachen. Durch Besteuerung oder eine einmalige Vermögensabgabe hätten sich die Regierungen recht einfach Geld beschaffen können.

Hätte, könnte, wäre. Oder, noch ein Ausweg, die Regierungen hätten die Gesetze neu schreiben können, denn die Staatsanleihen unterliegen in fast allen Fällen nationalem Recht (sogar in Griechenland sind es 90%), und das kann durch einen Federstrich geändert werden. Griechenland hätte die Zahl seiner Staatsdiener halbieren können ohne die Effizienz der Verwaltung zu schmälern, die Deutschen hätten akzeptieren können, dass ein Teil ihres Geldes weg ist und dass die Eurozone nicht nur aus Deutschen und Holländern besteht. Oder die Deutschen hätten den EFSF zu 2,5 Prozent Geld aufnehmen lassen können, das dann an die Peripherie zu 5 Prozent ausgeliehen wird, während die EZB dafür sorgt, dass durch eine Inflationsrate von 2 Prozent in Deutschland bis 3 Prozent im Durchschnitt der Eurozone die Schulden tragbar geworden wären. Alle Staaten agieren „makro-unvernünftig“ Hätte, könnte, wäre. Aber das war naiv. Tatsächlich verfahren alle Staaten in einer Weise, die kurzfristig „mikro-vernünftig“ ist, langfristig aber „makro-unvernünftig“. Und der Kern der Naivität bestand darin, zu glauben, dass es anders sein könnte.

Für die herrschenden Klassen/Parteien im Eurozonenpräkariat ist es vernünftig, so wenig zu reformieren und zu ändern wie nötig, um die Geldgeber bei Laune zu halten und damit die Hoffnung zu verbinden, dass am Ende ein möglichst großer Teil der Rechnung bei den Gläubigern hängen bleibt. Für die Gläubiger hingegen wäre es unvernünftig, sich auf irgendeine Aufweichung der Verträge einzulassen, die am Ende nur zu einem Transfer von Vermögen zu den Schuldnerländern führen würde. Derzeit sind beide Seiten dabei, die Nerven der Gegenpartei zu testen, ob sie zuerst einknickt.

Die Politik dreht sich weniger darum, welche Lösungen für das große Ganze gangbar wären, sondern wer bei der anstehenden Verteilung der Lasten wie viel tragen muss. Das betrifft nicht nur die Verteilung unter den Ländern, sondern auch innerhalb: Arbeiter können in Form hoher Arbeitslosigkeit und sinkender Löhne zahlen, die Mittelschicht kann man mit einer Inflation ausbluten, die Unternehmen und Immobilienbesitzer kann man über höhere Steuern schröpfen, alle Arten von Gläubigern (die Wohlhabenden, aber auch die einfachen Inhaber von Lebensversicherungen oder Einzahler in Pensionsfonds) kann man durch Schuldenverzicht („Haircuts“) erleichtern, etc. Aber kein demokratisch gewählter Politiker in Europa will diesen Verteilungskampf aussprechen und so saust das Schiff weiter auf die Klippe zu, an der es zerschellen und sinken wird, wenn nichts passiert. Denn, das sollte mittlerweile jeder mitbekommen haben, wir befinden uns mitten in einem systemweiten „Bankrun“, der jederzeit ins Chaos umkippen kann.