Didier Saint-Georges Darum ist niedrige Volatilität allein eine schlechte Basis für Anlage-Entscheidungen

Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees von Carmignac

Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees von Carmignac

Die Finanzmärkte durchlaufen oftmals plötzliche, unberechenbare Schwankungsphasen, die aber häufig weder besonders ausgeprägt sind noch eine klare Tendenz erkennen lassen. In solchen Wertschwankungszeiten kommt die Unsicherheit der Anleger in einem bestimmten Zeitraum zum Ausdruck. Diese Volatilität kann auch gemessen werden, indem man das Ausmaß der Asset-Preis-Schwankungen berechnet. Aus diesem Grund nutzen Vermögensverwalter die Volatilität häufig auch als Synonym für „Risiko“. Das hat viele Investoren allerdings verwirrt.

Schwankungen weisen auch auf Flexibilität hin

Es ist zwar richtig, dass die Volatilität eine Kennzahl für Unsicherheit ist, doch die Anleger betrachten sie oft fälschlicherweise als Warnsignal. Allerdings bedeutet die Tatsache, dass sich etwas schnell verändert und dabei in unterschiedliche Richtungen tendiert, an den Finanzmärkten sowie im täglichen Leben nicht zwangsläufig, dass etwas tatsächlich anfällig ist. Vielmehr könnte es sich dabei sogar um ein Anzeichen für Flexibilität handeln und letztlich die Widerstandskraft gegen Schocks stärken. Leben bedeutet Bewegung – fragen Sie Muhammed Ali, Blaise Pascal oder einen Orthopäden. Nassim Taleb betont gerne, dass das Einkommen eines Taxifahrers zwar möglicherweise volatil ist, aber zumindest nicht von jetzt auf gleich wegfallen wird, weil er entlassen wird. Ebenso könnte sich auch ein Vermögenswert, ein Markt oder ein Fonds, der eine gewisse Volatilität aufweist, letztlich durchaus als extrem robust erweisen.

Im Gegenzug kann auch eine äußerst stabile Finanzanlage plötzlich einbrechen oder aber Schritt für Schritt an Wert verlieren – ohne Wertschwankungen zwar, aber zweifellos würde dadurch beispielsweise die Altersvorsorge eines Ehepaares stetig schrumpfen.

Nehmen wir beispielsweise einen vorsichtigen Anleger, der seine Ersparnisse umsichtigerweise in deutsche Bundesanleihen investiert. Geht man von einem zwar langsamen, aber kontinuierlichen Anstieg der deutschen Zinsen aus, würde der Wert seiner Anlage – die sowieso nur einen kümmerlichen Ertrag abwirft – von Tag zu Tag sinken. Eine Anleihe mit einem niedrigen Kupon ist bei steigenden Zinsen nämlich weniger wert, weil Anleger dann in neue Anleihen mit höheren Kupons investieren können. Unser vorsichtiger Investor müsste also mitansehen, wie seine Ersparnisse allmählich aufgezehrt werden – und das jedoch ohne Volatilität.

Der Truthahn fühlt sich sehr sicher - bis zum Fest

Der Wert seines „sicheren“, stabilen Investments könnte sogar vollständig einbrechen, falls die Zinsen in die Höhe schnellen sollten. Und genau dies geschah im Frühjahr 2015 in Deutschland. Viele europäische Anleger hatten deutsche Anleihen erworben, weil sie auf der Suche nach „sicheren Häfen“ waren. Die Rendite dieser Papiere lag bei fast 0 Prozent, aber die Investoren waren bereit, diesen „Preis“ für die Sicherheit dieses Spitzen-Papiers zu zahlen.