Didier Saint-Georges Der Unterschied zwischen „meistens“ und „immer“ kann für Anleger teuer werden

Carmignac-Anlagespezialist Didier Saint-Georges

Carmignac-Anlagespezialist Didier Saint-Georges

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Vermögensverwalter und Unternehmensgründer haben eines gemeinsam: die Chancen stehen schlecht für sie. Schaut man sich einfach die durchschnittlichen Erträge aktiv gemanagter Fonds oder die Misserfolgsquote von Start-Ups an, so wird deutlich, wie groß das Selbstvertrauen von Vermögensverwaltern und Existenzgründern eigentlich sein muss. Sie können ein solches Wagnis auch nur deshalb eingehen, weil sie davon überzeugt sind, dass die Zukunft – mit all ihren Unsicherheitsfaktoren – nicht nur Gefahren und Herausforderungen mit sich bringt, sondern aus eben diesen Gründen auch lukrative Chancen bietet. Dies setzt jedoch voraus, dass sie herausfinden, wie man mit den damit einhergehenden Risiken am besten fertig wird. Ebenso wie bei der Gründung eines neuen Unternehmens ist auch bei Investments an den Finanzmärkten die Frage, welche Risiken man dabei eingehen sollte, eine der schwersten. Aber sowohl bei der Vermögensverwaltung als auch bei der Existenzgründung geht es ja schließlich um das Eingehen von Risiken.

In den Medien wird ja oftmals behauptet, dass Anleger keine Unsicherheit mögen – aber liegen sie damit wirklich richtig? Ja und nein. So mag einigen Journalisten der Unterschied zwischen „Risiko“ und „Unsicherheit“ nicht klar sein, obwohl der US-Volkswirt Frank Knight diesen bereits in den 1920er Jahren erläutert hat. Er definierte das Risiko als einen Unsicherheitsfaktor, der sich quantifizieren lässt. Während Unsicherheit viel mit purem Zufall zu tun hat, geht es beim Risiko um Wahrscheinlichkeiten, die gemessen werden können. Und wenn man einen Unsicherheitsfaktor beziffern kann, kann man damit auch umgehen bzw. ihn mit einem Preisschild versehen – sprich, man kann auf oder gegen ein Risiko wetten und sich sogar dagegen versichern. Anleger mögen keine Unsicherheit, solange es sich dabei nicht um ein Risiko handelt, das gesteuert werden kann. Schließlich möchten sie sich ja auch nicht Hals über Kopf in einen Kampf stürzen mit ihrem Mut als einzige Waffe.

Der langfristige Markttrend zeigt nach oben, aber …

Der Haken daran ist, dass sich Verunsicherung an den Aktienmärkten nicht so leicht zu einem quantifizierbaren, vergleichsweise harmlosen Risiko „zähmen“ lässt. Deshalb müssen Anleger Strategien entwickeln, denen Wahrscheinlichkeiten zugrunde liegen, die in den meisten Fällen aber unzuverlässig sind. So sind Gewinnprognosen und Wirtschaftsdaten stets mit einer gewissen Fehlertoleranz behaftet, die sich ebenfalls als Fehlkalkulationen erweisen könnte. Darüber hinaus beschreibt die Wirtschaftswissenschaft auch die Vergangenheit, nicht die Gegenwart. So erfahren wir ja erst im nächsten Quartal, wie kräftig die Wirtschaft im aktuellen Quartal gewachsen ist. Und selbst diese Zahlen können dann noch mehrfach korrigiert werden. Deshalb geht es beim Risikomanagement darum, eine Vielzahl möglicher Szenarios zu berücksichtigen, da konkrete Zahlen in der Regel rar sind.

Häufig nimmt das Marktrisiko aber auch eine dramatische Wendung. Langfristig betrachtet geht der Trend an den Aktienmärkten unbestreitbar nach oben. So hat der MSCI World-Index in den letzten 30 Jahren 380 Prozent hinzugewonnen. Deshalb könnte man vernünftigerweise annehmen, dass die Aktienmärkte auch zukünftig ansteigen werden, zumal in der Vergangenheit ja auch die Volkswirtschaften meistens ein Wachstum vorgelegt haben (so gab es in den USA seit 1945 lediglich 11 rezessive Phasen). Und die Aktienmärkte vollziehen auf lange Sicht eben tendenziell die Entwicklung des BIP-Wachstums nach.