„Die deutschen Unternehmen haben einen großen Trumpf im Ärmel“

Die Frankfurter Börse. Quelle: Getty Images

Die Frankfurter Börse. Quelle: Getty Images

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Frage 1: Stürzt Deutschland in die Rezession?

Dies war die mit Abstand am häufigsten gestellte Frage. Unsere Antwort lautet: nein. Allerdings ist eine spürbare Wachstumsverlangsamung in Deutschland unterwegs. Bereits vor den jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten sind wir von einem deutlich geringeren BIP-Zuwachs von 2 Prozent für nächstes Jahr ausgegangen (2011: +3½ Prozent). Hintergrund unserer Prognose war die sich abzeichnende Entwicklung der Frühindikatoren in den vergangenen Monaten. Sowohl in Deutschland als auch in einer Vielzahl von Schwellen- und Industrieländern hatte die Unternehmensstimmung ihren Hochpunkt bereits deutlich überschritten. So fielen etwa die im Ifo-Index enthaltenen Geschäftserwartungen zuletzt vier Mal in Folge. Nach unserer Einschätzung ist das folgende Szenario am wahrscheinlichsten.

Die Unternehmensstimmung wird sich weiter verschlechtern. Kurzfristig rechnen wir sogar mit sehr starken Rückgängen des Ifo Geschäftsklimas (nächster Veröffentlichungstermin: 24. August) und des Einkaufsmanagerindex. Neben einer fundamentalen Verschlechterung wird sich auch die negative Stimmung an den Finanzmärkten teilweise auf den Unternehmenssektor übertragen. Die Abwärtsrisiken für unsere BIP-Prognose 2012 haben damit spürbar zugenommen. Eine Eins vor dem Komma ist in greifbare Nähe gerückt. In diesem Jahr ist hingegen ein Wachstum von mindestens 3 Prozent sehr wahrscheinlich. Dafür sorgt insbesondere der hervorragende Jahresauftakt: Die deutsche Wirtschaft hatte im ersten Quartal um 1½ Prozent zugelegt. Auf das Jahr hochgerechnet entsprach dies einem Plus von 6 Prozent. Nächste Woche Dienstag werden die BIP-Zahlen für das zweite Quartal veröffentlicht. Wir rechnen mit einer deutlichen Verlangsamung (+½ Prozent). Deshalb gilt auch hier: Die Konjunktur hatte sich bereits im Frühjahr verlangsamt.

Frage 2: Spiegelt der Dax die zukünftige Konjunktur richtig wider?

Wir glauben, dass sich der jüngste Kurssturz des DAX nur bedingt auf die zukünftige Entwicklung der deutschen Wirtschaft übertragen lässt. Zumindest in der Vergangenheit war dies nicht ohne weiteres möglich (vgl. Grafik auf der nächsten Seite). Zwar wurden die Rezessionsphasen 2002/2003 und 2008/2009 korrekt signalisiert. Nach starken Kursrückgängen gingen die später veröffentlichten BIP-Zahlen mindestens zwei Quartale in Folge zurück. Es gab allerdings in den vergangenen 40 Jahren auch einige Fehlsignale. So war der DAX 1987/88 stark rückläufig. Abgesehen von einer kurzen Unterbrechung wuchs die deutsche Wirtschaft hingegen kräftig weiter. Im aktuellen Umfeld wird entscheidend sein, wie lange die Turbulenzen an den Finanzmärkten anhalten. Je länger die Kursrückgänge andauern, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Aktienmärkte Recht behalten. Die negative Stimmung würde dann immer stärker Unternehmen und Verbraucher verunsichern (sich selbsterfüllende Erwartungen).

Frage 3: Wie schnell kommt die Abschwächung?

Unsere Antwort lautet: Realwirtschaftliche Bremsspuren durch die Finanzmarktturbulenzen wird es bereits in der zweiten Jahreshälfte 2011 geben. Allerdings haben die deutschen Unternehmen einen großen Trumpf im Ärmel, der die negativen Auswirkungen spürbar dämpfen wird. Sie verfügen über sehr hohe Auftragsbestände, die sie in den nächsten Monaten abarbeiten können. Unseren Berechnungen zufolge liegen etwa die Auftragsbestände im Autosektor 1¾ Standardabweichungen über ihrem langfristigen Durchschnitt. Sie wirken als eine Art Airbag: Gehen die Neuaufträge spürbar zurück, helfen die bereits erhaltenen Auftragseingänge zunächst, die Produktion am Laufen zu halten.1 Ein regelrechter Absturz ist deshalb unwahrscheinlich. Aber auch hier gibt es Risiken: Nach dem Kollaps von Lehman Brothers stornierten viele ausländische Unternehmen ihre bereits gegebenen Aufträge (vgl. Grafik für das gesamte Verarbeitende Gewerbe). Dadurch schrumpfte das Auftragspolster innerhalb kürzester Zeit sehr stark zusammen. Mit einer ähnlichen Entwicklung rechnen wir im aktuellen Umfeld jedoch nicht.