„Die Diskussion um Inflation ist extrem übertrieben“

Klaus Wiener ist Chefvolkswirt und Niederlassungsleiter bei Generali Investments Europe.

Klaus Wiener ist Chefvolkswirt und Niederlassungsleiter bei Generali Investments Europe.

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DAS INVESTMENT: Fangen wir mit der Euro-Krise an.

Klaus Wiener:
Sie meinen Staatsschuldenkrise. Für mich ist der Begriff Euro- Krise falsch. Denn was wir im Moment erleben, hat wenig mit dem Euro zu tun, sondern vielmehr damit, dass sich ein schlechtes Finanzgebaren und eine unzureichende Wirtschaftspolitik der Staaten über lange Jahre jetzt rächen.

Was wird der wahrscheinlichste Ausgang dieser Staatsschuldenkrise sein?

Wiener: Die Länder, die jetzt Probleme haben, werden Strukturreformen durchführen. Erfahrungsgemäß werden die Früchte dieser Arbeit immer erst nach einem gewissen Zeitraum sichtbar. Das heißt, die Länder sparen zwar, kommen aber erst einmal in eine Anpassungsrezession – das ist das Tal der Tränen, durch das sie durch müssen. Aber die Erfahrung zeigt, dass Strukturreformen immer zu höheren Wachstumspfaden geführt haben, und dann haben wir das Gröbste der Krise erst einmal überstanden.

Wie lange währt so ein Tal?

Wiener:
Wenn es um Konsolidierungsbemühungen geht, also die Besserung der Haushaltslagen, werden wir das im kommenden Jahr schon sehen. Schon jetzt zeigen die Primärsalden der südlichen Euroländer, also die Haushaltsdefizite ohne Zinszahlungen, dass sie etwas tun. Bei den Strukturreformen wird es länger dauern – ich denke, 2014 werden die ersten Ergebnisse sichtbar werden. Wichtig ist aber, dass die Länder während der Durststrecke unterstützt werden.

Wie muss diese Unterstützung aussehen?


Wiener:
Allen voran sind natürlich die nationalen Regierungen gefragt. Sie müssen sich verpflichten, den Sparkurs weiterzugehen. Die Länder brauchen aber auch Hilfe über den Krisenfonds ESM und der Europäischen Zentralbank, die, wie jüngt beschlossen, gegebenenfalls Staatsanleihen angeschlagener Länder kauft, sofern diese sich zu weitreichenden Anpassungsprogrammen verpflichten. Das ist meiner Meinung nach die Blaupause zur Lösung der Krise.

Kann es überhaupt Aufgabe einer Zentralbank sein, eine Währung zu retten?


Wiener:
Es ist schwierig für eine Notenbank, wenn sie Fiskalpolitik von Staaten quasi alimentieren soll – das gehört ja nicht zu ihrem Aufgabengebiet und kann auch nur eine Ausnahmesituation sein. Es fühlt sich ja auch keiner richtig wohl damit. Aber gleichzeitig muss die EZB natürlich auch dafür sorgen, dass die Geldpolitik funktioniert und das Preisniveau stabil bleibt. Es ist die Frage, ob das Ende des Euro da förderlich wäre.

Aber das viele billige Geld, das im Moment zu haben ist …


Wiener: Haben Sie auch etwas davon bekommen?

Irgendwie kommt es bei mir nicht an.

Wiener: Da sind wir genau beim Thema. Inflation ist so lange überhaupt kein Problem, wie die Rahmenbedingungen von der Krise geprägt sind. Das habe ich von Beginn der Krise an gesagt, dass diese ganze Diskussion um Inflation extrem überzogen ist. Es ist zwar richtig, dass die Notenbanken sehr viel Liquidität zur Verfügung stellen. Diese Liquidität wird aber nicht genutzt. Die Banken finanzieren sich damit – vor allem in den Ländern, wo es größere Probleme gibt. Aber sie nutzen es nicht, um die Kreditvergabe anzukurbeln. Das Geld wird also gedruckt, aber es wird nicht ausgegeben. Solange das der Fall ist, wird es nicht zu einer hohen Inflation kommen. Und ein weiterer Punkt kommt auch noch hinzu.