„Die in Europa diskutierten Fragen sind nicht mehr existenzieller Natur, sondern praktischer“

Michael Hasenstab

Michael Hasenstab

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Im vergangenen Jahr prägten drei Fragen unseren Eindruck von den globalen Finanzmärkten:

1.    Werden die USA in eine zweite Rezession abgleiten?
2.    Wird die Eurozone auseinanderbrechen?
3.    Steht China eine unsanfte Landung bevor?

In allen drei Punkten waren die Märkte weitaus pessimistischer als wir. Sie haben – vor allem zum Jahresende hin – sogar dramatische Negativszenarien erwartet und eingepreist. Anfang 2012 lassen sich zwei Fragen unseres Erachtens aber verneinen.

In den USA bessern sich in letzter Zeit Arbeitsmarkt- und Konjunkturdaten und die Wirtschaft wächst offenbar weiter. In China nahm das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im letzten Jahr um über 9 Prozent zu, was die Angst vor einem harten Aufsetzen mindert.

Europa belastet die Anlegerstimmung zwar weiterhin, doch die Bewertungen, die nach wie vor von der Katastrophe ausgehen, würdigen das Erreichte nicht angemessen. Es können zwar noch politische Pannen passieren, doch die in Europa diskutierten Fragen sind nicht mehr existenzieller Natur, sondern praktischer.

Wir starten im Vergleich zu 2011 in vieler Hinsicht mit weniger Unbekannten ins Jahr 2012. Für dieses Jahr erkennen wir differenziertere Risiken und Herausforderungen, die zunächst die konkrete Umsetzung von Politik betreffen, aber auch die Effekte globaler Verflechtungen zwischen Europa, den USA und den Schwellenmärkten.

In Europa an drei Fronten wesentliche Fortschritte erzielt

Die Politik hätte im Idealfall zwar deutlich schneller auf die Krise in Europa reagieren können, doch wurden an drei Fronten wesentliche Fortschritte erzielt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre eigene Version quantitativer Lockerungen (QE) eingeführt, obwohl sie eine solche Nutzung ihrer Bilanz zunächst vehement zurückwies. Dieser Schritt nahm Druck vom Bankensystem und von den Märkten für Staatsanleihen.

Italien hat eine neue Regierung, die harte fiskalische Maßnahmen und eine drakonische Rentenreform verfügte. Vor allem aber streiten die europäischen Länder nicht länger, ob eine Fiskalunion angestrebt werden sollte. Dass der Euroraum künftig darauf zusteuern muss, wird inzwischen als Tatsache anerkannt. Nachdem die betroffenen Länder ihre Trägheit überwunden haben, liegen die Risiken für 2012 in der tatsächlichen Umsetzung der Politik.

Mit Blick auf die Zukunft hat sich die Fragestellung für Europa unseres Erachtens folgendermaßen verschoben:

1.    Wie entwickelt sich der im vergangenen Jahr vereinbarte Fiskalpakt zu einer tiefer greifenden Fiskalunion?
2.    Kann Italiens Premierminister Mario Monti jetzt ehrgeizige Strukturreformen durchführen, nachdem die Renditen italienischer Anleihen durch die langfristigen Refinanzierungsgeschäfte der EZB nicht mehr so unter Druck stehen?
3.    Kommt es in Griechenland zu einer geordneten Umschuldung?
4.    Setzt die EZB ihre faktische QE-Politik fort?