Die Todsünde Hochmut und wie sie Blasen verursacht

Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführer Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement.

Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführer Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement.

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"Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,
wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen,
in Kümmernis und tiefem Bangen lebt."
Dante (1265-1321)

Heute erklären wir die diesjährigen Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaften anhand von Dantes Göttlicher Komödie. Diese muss, wie wir schon öfters bemerkt haben, stets griffbereit auf dem Schreibtisch eines Investors liegen.

Durch die Hölle ins Paradies

Darin schildert Dante, wie er in einer akuten Lebenskrise auf Vergil, wahrscheinlich Roms größten Dichter trifft, der ihn auf die rechte Bahn bringt, indem er ihn zunächst nach unten durch die Hölle (Inferno), dann den Läuterungsberg (Purgatorio) empor, und schließlich in die Arme seiner Jugendliebe Beatrice führt, welche als Belohnung eine etwas langatmige Führung durch das Paradies bereit hält.

Es werden dort alle menschlichen Angelegenheiten erklärt, die politischen, die ethischen und die seelischen. Insbesondere Inferno und Purgatorio sind saftig und phantastisch erzählt und eignen sich daher für das tägliche Geschäft an der Börse. Sucht der Spekulant etwa nach einer Erklärung für Italiens Staatsschuldenkrise, so findet er sie in Canto 6 des Purgatoriums.

Analysten als "verdrehte Menschen"

Fragen zur Arbeitsweise von Analysten? Diese beschreibt Dante unvergleichlich in Canto 20 des Inferno, wo er den Magiern und Wahrsagern begegnet, „die alle zwischen Kinn und Schulter seltsam verdreht waren. Ihr Gesicht saß verkehrt herum, von den Nieren an gewendet. Sie mussten rückwärtsgehen, denn der Blick nach vorn war ihnen verwehrt. Vielleicht gab es einmal einen Menschen, der durch Lähmung so missgestaltet war, aber ich habe nie so einen gesehen, und ich glaube auch nicht, dass es ihn gibt.“

Die Wahrsager haben während ihres irdischen Daseins immer nur nach hinten geschaut und so getan, als könnten sie über die Zukunft etwas sagen, indem sie die Entwicklungen der Vergangenheit in die Zukunft fortschreiben. Nicht anders halten es die Analysten auch heute. Die Strafe ist die ewige Verdrehung des Rückgrats und der ewige Blick nach hinten.

Dante und die Nobelpreisträger

So findet sich zu allem die richtige Erklärung bei Dante, auch zum Nobelpreis. Verliehen wurde er im Wesentlichen an Eugene Fama und Robert Shiller. Fama ist berühmt für seine Theorie der Effizienten Märkte, nach welcher der Marktpreis an den Börsen stets das Ergebnis einer vernunftgemäßen Verdauung aller bekannten Informationen ist. Shiller ist berühmt dafür, dass er genau dies bestreitet und sich um den Nachweis bemüht, dass Börsenkurse auch mal unvernünftig sein können.

Nun zwei etwas technische Absätze, die zart besaitete Leser ohne Schaden überspringen können: Am Aktienmarkt werden Preise gerechtfertigt, indem man die künftigen Dividendenzahlungen abdiskontiert mit den Kapitalkosten (aus Sicht der Anleger: der erwarteten Rendite). Die Kapitalkosten sind gleich dem risikolosen Zins plus der Risikoprämie der Aktie. Die Erhöhung der erwarteten Dividendenzahlungen führt zu einem Ansteigen des Aktienkurses, während ein Ansteigen der erwarteten Rendite ihn fallen lässt.

Robert Shiller hat gezeigt, dass die Aktienkurse (und Immobilienpreise) aber erheblich volatiler sind, als sich durch die Änderung des risikolosen Zinses und der erwarteten Dividendenzahlungen erklären lässt. Daher ist es wohl die Risikoprämie, welche die großen Kursschwankungen an den Börsen erklärt.

Die Zukunft ist uninteressant

Fama erklärt die Bewertung als das Ergebnis der Informationen, welche wir über die Vergangenheit haben. Über die Zukunft will er nicht spekulieren, das hält er für uninteressant, denn der Markt reflektiert die verfügbaren Informationen so gut, dass wir unmöglich wissen können, wie es mit den Kursen weiter geht.

Shiller hingegen will nicht voranschreiten mit dem Blick zurück wie die Magier in Dantes Hölle. Er wagt die Aussage, dass an den Märkten nicht viel zu verdienen ist, wenn die Bewertungen hoch sind. Auf mittlere Sicht lässt sich die Entwicklung des Marktes vorhersagen, weil seine Übertreibungen erkennbar sind.

Wer teuer einkauft, steht schlechter da

In einfachen Worten: Wer teuer einkauft, steht am Ende schlechter da, als wer billig in den Markt kommt. Für eine solche Einsicht bekommt man in unserer Zeit einen Nobelpreis. Während Fama von der Rationalität der Märkte ausgeht und zu dem Schluss kommt, dass es so etwas wie eine Blase nicht geben kann, ja dass dieser Begriff keinen Sinn und keinen Inhalt hat, sieht Shiller noch andere, dunkle Mächte am Werk, durch die allererst die Volatilität der Märkte erklärt werden kann.