Die Urangst vor dem Zinseszinseffekt

Michael Hörl

Michael Hörl

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Wenn Kapitalismuskritiker beweisen wollen, dass das inkriminierte System nachhaltig ja gar nicht bestehen könne, dann bringt man das sogenannte Zinseszins-Paradoxon hervor. So etwa im Deutschlandfunk.  „Unendliches Wachstum kennt die Natur nicht, somit auch keinen Zinseszinseffekt.“ Und weil der Kapitalismus ja auf diesem fuße, gäbe es auch diesen nicht (ewig). So einfach ist das. Dann aber doch wieder nicht.

Der „Jesus-Schmäh“


Begleitet wird das Paradoxon gern mit einem Ausflug in antike Zeiten. Hätte man Jesus Christus nicht gekreuzigt und den Nagel im Wert von einem Euro stattdessen auf ein Sparbuch mit einer Verzinsung von 3% gelegt, dann hätte man das kapitalistische System heute schon gesprengt.

Mit Zins und Zinseszins wäre die Summe nach 2000 Jahren rein rechnerisch nämlich schon auf 47,255.178,755.828,605.388,683.227 angewachsen. Natürlich könnte keine Bank der Welt die Summe ausbezahlen. Selbst das gesamte Gold, das bis heute gefördert wurde, wäre nur einen Bruchteil wert: 3,267.000,000.000 Euro.

Wie bei allen Versuchen, das kapitalistische Produktionsprinzip totzurechnen, ist man auch hier mit Fakten nicht gerade zimperlich. Frei und flugs nimmt man eben mal 3% Verzinsung an – für die Dauer von 2000 Jahren.

Doch muss man in der Menschheitsgeschichte nach solch enormen Zuwachstraten suchen wie nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. Frei nach dem Motto: Nehmen wir doch einfach einmal die besten 20 Jahre aus 2000 Jahren heraus und rechnen sie auf 2000 Jahre Dunkelheit zurück. Linear natürlich, der Einfachheit halber.