“Die Voraussetzungen für eine Hausse am Aktienmarkt fehlen”

Guy Wagner

Guy Wagner

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"The notion that central banks are in control of events is a myth. It's the other way around." (Dylan Grice, Société Générale)

Seit die Europäische Zentralbank (EZB) begonnen hat, den Banken der Eurozone über langfristige Refinanzierungsgeschäfte (LRG) Liquidität für drei Jahre zur Verfügung zu stellen, sind die Börsen um zirka 20 Prozent gestiegen.

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Aus unserer Sicht stellen „reichlich vorhandene Liquidität“ oder „sehr niedrige Zinsen“ jedoch keine Argumente für einen Aktienkauf dar. Alle Versuche der Vergangenheit, durch billiges Geld den Wert von Finanzanlagen zu steigern, scheiterten langfristig. Denn billiges Geld löst grundlegende Probleme nicht, sondern verschärft sie.

Das einzige wirkliche Kriterium für eine Anlage in Aktien oder andere Finanztitel ist unseres Erachtens ein ausreichend niedriger Einstiegspreis (und auch dann sollten solche Finanzwerte wenn möglich qualitativ hochwertig sein). Denn nur dieser erlaubt anschließend eine angemessene Rendite.

Viele Analysten betonen, dass die Börsenbewertungen von Aktien aktuell sehr attraktiv seien. Bewertungskennzahlen, die in der Vergangenheit künftige Renditen korrekt vorhersagten, sprechen jedoch eine andere Sprache: Die momentane Bewertung der US-Börse deutet auf Sicht der kommenden Jahre eine annualisierte Rendite von etwa 4 Prozent an.

Ertrag passt nicht zum Risiko

Einige Anleger werden diese Aussicht angesichts der derzeitigen Erträge am Geld- und Rentenmarkt durchaus positiv bewerten. Aus unserer Sicht stellt eine Rendite dieser Größenordnung jedoch keine angemessene Kompensation des Risikos einer Aktienanlage dar. Die Tatsache, dass Aktien mit 4 Prozent möglicherweise eine höhere Rendite als festverzinsliche Anlagen bieten, spricht vielmehr Bände über die geringe Attraktivität des Rentenmarkts.

Vor rund zehn Monaten schrieb ich in meinem Artikel „Aktien am Scheideweg“, dass die Börsengeschichte im Wesentlichen zwei Arten von Märkten kennt:

1.    strukturelle Hausse-Märkte
2.    strukturelle Seitwärtsmärkte.

In strukturellen Hausse-Märkten besteht ein fest etablierter Aufwärtstrend: Zehn bis 20 Jahre nach dem Aktienkauf verzeichnet der Anleger ungeachtet vorübergehender Korrekturen einen ansehnlichen Ertrag. 2000 bewegten sich die Börsenindizes auf einem deutlich höheren Niveau als 1982.

In einem strukturellen Seitwärtsmarkt ergibt sich ein anderes Bild: 1982 lagen die Börsenindizes ungefähr auf dem Niveau von 1966, während sie sich 2012 unter dem Stand von 2000 bewegen. Nach dem Kursanstieg zwischen März 2009 und Mai 2011, so schrieb ich im Mai 2011 weiter, standen die Märkte am Scheideweg, und die Anleger mussten sich zwischen zwei Szenarien entscheiden.

Entweder bildete der März 2009 den Ausgangspunkt eines neuen strukturellen Hausse-Marktes. Die aussichtsreichste Strategie in diesem Szenario wäre dann, weiter investiert zu bleiben und vorübergehenden kleineren Korrekturen nicht allzu viel Beachtung zu schenken.

Oder die Erholung zwischen März 2009 und Mai 2011 war nur eine zyklische Hausse-Bewegung innerhalb eines Seitwärtsmarktes (wie zum Beispiel zwischen März 2003 und Oktober 2007). In diesem Fall sollte ein Rückzug aus dem Markt ins Auge gefasst werden.

Die aktuelle Situation ist ganz ähnlich: Die Börsenindizes tendierten nach Mai 2011 zunächst sechs Monate lang im Wesentlichen nach unten. Und trotz der deutlichen Kursgewinne seit Dezember vermochten die meisten Märkte nicht, ihren Stand vom Mai 2011 zu übertreffen.