Dieter Nuhr und die Griechenland-Krise „Wenn man aus Pöbelei Strom machen könnte, wäre das Internet die Rettung der Welt“

Dieter Nuhr. Foto: Getty Images

Dieter Nuhr. Foto: Getty Images

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„Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt: Ein Sieg des Volkswillens!“

„Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!“, schrieb Dieter Nuhr Anfang Juli auf seiner Twitter-Seite. Damit leistete der Kabarettist seinen ironischen Beitrag zu Diskussion um das Referendum in Griechenland.

So weit so lustig. Doch nicht alle deutschen Internetnutzer haben Sinn für Humor. Denn der - wirklich harmlose - Kommentar des deutschen Komikers hatte im Internet einen Shitstorm entfacht. Es hagelte Beleidigungen, Beschuldigungen, Pöbeleien. Nun schießt Nuhr zurück.

„Sonst gäbe es keine Rechtssicherheit mehr“

In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) erklärt Nuhr zuerst, was ihn zu seiner Twitter-Meldung veranlasst hat. „Eigentlich sollte dies für jeden selbstverständlich sein: Vertragliche Vereinbarungen sind nicht durch einseitige Abstimmung im Nachhinein änderbar, und das ist gut so, denn ansonsten gäbe es faktisch keine Rechtssicherheit mehr. Wäre die Regierung Tsipras damit durchgekommen, hätte der kurzfristige populistische Pyrrhussieg dazu geführt, dass Griechenland aus dem Kreis der Länder ausgeschieden wäre, die sich rechtsstaatlicher Grundsätze verpflichtet sehen.“

Anschließend rechnet Nuhr mit den Pöbeleien ab. Was im Internet im Anschluss an sein Posting passierte, habe nichts mit einer Diskussion zu tun, schreibt er. „Ein sogenannter Shitstorm, ein neues und nur im Internet vorzufindendes meteorologisches Phänomen, zog auf. Für den digital Unbedarften sei erklärt: Ein Shitstorm ist ein Massenauflauf, der zum Ziel hat, den Andersmeinenden durch massenhaften Bewurf mit verbalen Exkrementen mundtot zu machen.“

Shitstorm: Hexenverbrennung bei angenehmen Temperaturen

Shitstorms seien Hexenverbrennung des 21.Jahrhunderts, so der Kabarettist weiter. Die Primitivität und Aggressivität, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden, folge denselben psychologischen Mechanismen, die früher zu Lynchjustiz und Pogromen führten. „Der Andersmeinende wird zunächst als wahlweise „dumm“ oder „böse“ dargestellt“. Er sei also das, was man im Mittelalter als „wahnsinnig“ oder „vom Teufel besessen“ bezeichnete, „damals wie heute ein Tötungsgrund, nur eben heute virtuell, ein erheblicher Fortschritt, sicherlich“. Der Delinquent werde zur digitalen Vernichtung freigegeben, so Nuhr. Zum Glück geschehe die Hexenverbrennung heutzutage „bei angenehmen Temperaturen“ - „nur“ sozial, nicht physisch vernichtend.

„Die Orte, an denen die Scheiterhaufen lodern, heißen Facebook und Twitter“, so der Comedian weiter. Denn in der Anonymität des World Wide Web könne der Einzelne für seine Äußerungen nicht haftbar gemacht werden. Daher wiederhole sich dieser Vorgang im Internet in immer schnellerer Frequenz. „Wenn es einen Weg gäbe, aus Pöbelei Strom zu machen, das Internet wäre die Rettung der Welt“, ergänzt der Unterhalter auf seiner Twitter-Seite.