Björn Drescher Die Folgen der Digitalisierung werden unterschätzt

Björn Drescher, Gründer und Geschäftsführer von Drescher & Cie.:

Björn Drescher, Gründer und Geschäftsführer von Drescher & Cie.: "Die Digitalisierung hat eine sehr kurze Inkubationszeit". Foto: Drescher & Cie.

Einen ganzen Tag lang haben wir im Rahmen unseres Seminars „Digital Finance“ vor einigen Wochen mit Fachleuten über den Einfluss der Digitalisierung auf die Zukunft der Finanzindustrie diskutiert. Sollte ich mich im Fazit auf eine einzige These beschränken, würde sie wie folgt lauten: Die größte Gefahr für die Zukunft der Finanzindustrie besteht aus Sicht der Marktteilnehmer wahrscheinlich darin, den Einfluss der Digitalisierung zu unterschätzen.

Und zwar gleich in doppelter Hinsicht: mit Blick auf ihre räumliche Ausdehnung (Wirkungstiefe) und auch ihre zeitliche Dimension betreffend (wie schnell passiert es). Dabei kann man nicht einmal sagen, was fahrlässiger ist und schwerer wiegt: zu glauben, dass wir es hier nur mit einer neuen Form der Direktanlage zu tun haben, deren potenzielle Marktanteile auf mehr oder weniger 10 Prozent begrenzt sind, oder die Basiseffekte zu verkennen, mithin den Konsequenzen der Digitalisierung immer noch eine Inkubationszeit von mehr als einer Dekade zuzusprechen.

Spätestens 2030 wird nach Einschätzung von Experten die künstliche Intelligenz in der Lage sein, dem menschlichen Gehirn in allen Aufgabenstellungen den Rang abzulaufen. Sprachgesteuerte Algorithmen könnten schon viel früher zu einer selbstverständlichen automatisierten Finanzdienstleistung führen. Warum sollten sich Menschen ausgerechnet bei der Kapitalanlage virtuellen Lösungen verschließen? Mir erschließt sich diese Überlegung nicht.