DWS-Mann Klaus Kaldemorgen: So sieht er die Weltwirtschaft

Klaus Kaldemorgen, DWS

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DAS INVESTMENT.com: Die USA scheinen mit der Krise im Vergleich zur Eurozone besser klarzukommen. Ist die Geldflut der Schlüssel zum Erfolg, oder gibt es noch weitere treibende Faktoren, die der USA helfen?

Klaus Kaldemorgen: Sicherlich ist in keinem anderen Land eine expansive Geldpolitik so wirkungsvoll wie in den USA, was im Übrigen schon Alan Greenspan veranlasst hat, dieses Mittel zur Konjunkturbelebung einzusetzen. Zwei Dinge sind dafür maßgeblich: So wird die Wirtschaft der USA in weit höherem Ausmaß durch die Konsumnachfrage getragen als dies in Europa oder China der Fall ist.

Die Konsumnachfrage in den USA ist aufgrund der Verschuldung der Konsumenten stark zinsabhängig. Hinzu kommt die von der amerikanischen Zentralbank ausdrücklich gewünschte Vermögensinflation, das heißt ein Anstieg der Häuserpreise und Aktienkurse, bedingt durch die Geldflut. Da der amerikanische Konsument einen hohen Teil seines Vermögens in Immobilien und Aktien gebunden hat, führt dieser Vermögenseffekt zu einer Steigerung der Konsumlaune und damit zu mehr Wirtschaftswachstum. In Deutschland ist ein großer Teil des Vermögens in kurzfristigen Geldanlagen gebunden. Niedrige Zinsen wirken sich deshalb eher negativ aus, da die Erträge aus den Ersparnissen abnehmen.

Ein weiterer Grund für das Durchstarten der USA nach der Finanzkrise liegt sicherlich auch in den vergleichsweise niedrigen Energiepreisen in den USA begründet. So liegt der Strompreis in den USA für Industriekunden bei 70 Dollar pro Megawattstunde, in Deutschland bei 157 Dollar. Für Gas zahlen Industriekunden in den USA 17Dollar, in Deutschland 54 Dollar. Ähnlich ungünstig sieht der Vergleich für Staaten in Südostasien aus. Dieser Wettbewerbsvorteil bei den Energiekosten ist mitverantwortlich für mehr Wachstum und einer Reindustrialisierung der USA. Unkonventionelle Fördermethoden für Gas und Öl (Fracking) in den USA sind unter anderem mitverantwortlich für die unterschiedlichen Energiepreise.

DAS INVESTMENT.com: Vergleichen Sie bitte die USA, die Eurozone und China wirtschaftlich miteinander.

Kaldemorgen: Die Vorteile der amerikanischen Wirtschaft liegen im hohen und verhältnismäßig stabilen Anteil des Konsums an der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Hinzu kommen als Wettbewerbsvorteile niedrige Energiepreise, verbunden mit einem hohen Anteil an der Selbstversorgung. Ein flexibler Arbeitsmarkt, hohe Mobilität, ein Bevölkerungswachstum von zirka 1 Prozent sowie ein großer homogener Binnenmarkt bilden weitere Wettbewerbsvorteile. Wenig beachtet wird oft, dass der US Dollar sich gegenüber wichtigen Währungen wie den Euro oder Yen über die letzten zehn Jahre eher abgewertet hat, was der Exportindustrie zugutekommt. Nachteilig wirkt sich die steigende Staatsverschuldung aus, welche die USA in hohem Maße abhängig macht von einer unkonventionellen und expansiven Geldpolitik. Politisch scheinen die USA unfähig zu sein, Kompromisse bei der Lösung der Staatsverschuldung zu erzielen. Als weiteres Manko der USA gilt eine alternde und oft nicht mehr zeitgemäße Infrastruktur vor allem im Verkehrsbereich.

Die Eurozone erscheint im Vergleich mit den amerikanischen Staaten und China extrem inhomogen, was ihr zum Nachteil gereicht. Die Wettbewerbsfähigkeit zum Beispiel gemessen an den Lohnstückkosten ist sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist der Eurozone eine starke Exportabhängigkeit auch untereinander. Die unterschiedliche Verteilung der produktiven Ressourcen (Unternehmen) macht eine differenzierte Fiskal- und Geldpolitik notwendig. Die Geldpolitik ist zentralgesteuert und muss einen Kompromiss zwischen den starken und schwachen Volkswirtschaften finden. Ein Ausgleich der Wettbewerbsfähigkeit über eine Abwertung der Währung entfällt naturgemäß durch die Gemeinschaftswährung Euro, die mit Ausnahme Deutschlands für alle anderen Staaten eigentlich einen zu hohen Außenwert hat. Die Möglichkeiten für eine flexible Fiskalpolitik sind spätestens seit Beginn der Eurokrise ausgereizt, so da von dieser Seite eher kontraktive Impulse ausgehen. Vergleichsweise gute Noten kann man der Eurozone im Vergleich zu den USA bei der Infrastruktur ausstellen. Überzeugend wirkt die Eurozone bei gemeinsamen Projekten und Initiativen, wie zum Beispiel dem Gemeinschaftsunternehmen EADS.

Chinas Aufschwung ist in erster Linie dem Exportsektor mit seinen sehr niedrigen Lohnkosten zu verdanken. Eine zentralistische Wirtschaftspolitik hat diesen Aufschwung auch durch dirigistische Maßnahmen, wie zum Beispiel eine chronisch unterbewertete Währung abgesichert. Investitionen in die Infrastruktur und Rohstoffsicherung zeugen allerdings von hoher Professionalität und ökonomischer Weitsicht. Wachstumsraten von zeitweise über 10 Prozent bergen allerdings die Gefahr, das Kapital fehlgeleitet wird, zum Beispiel in Immobilien. Die kann zu gefährlichen Blasen vor allem im Finanzsektor führen. Steigende Lohnkosten bringen zunehmend das exportorientierte Wirtschaftsmodell Chinas ins Wanken. Die Herausforderung für China liegt zukünftig in einer Stärkung des inländischen Konsums, welches eine bessere Verteilung der Einkommen erfordert.

Strukturelle Reformen sind zudem dringend erforderlich in der Währungspolitik und am Arbeitsmarkt. Auch die restriktive „Ein Kind Politik“ ist aufgrund der demografischen Entwicklung dringend zu revidieren.