Eco-Cities In der Wüste und auf dem Wasser

Luciano Diana, Leiter Umweltleiterstrategien bei Pictet Asset Management: „Städte schädigen die Umwelt in unbeschreiblichem Maße“

Luciano Diana, Leiter Umweltleiterstrategien bei Pictet Asset Management: „Städte schädigen die Umwelt in unbeschreiblichem Maße“

Einst galt sie als Paradebeispiel für Nachhaltigkeit: Masdar City sollte weltweit die erste CO2-neutrale Stadt werden. Vor zehn Jahren begann Abu Dhabi mit dem Bau der umweltfreundlichen Wüstenstadt – und musste seine Ambitionen mittlerweile deutlich zurückschrauben. Nicht einmal 5 Prozent der geplanten sechs Quadratkilometer großen Fläche sind bis heute bebaut. Masdar zählt gerade einmal 300 Einwohner, weniger als 2.000 Beschäftigte, und nur 300 Geschäfte und Unternehmen sind bislang angesiedelt. Die Fertigstellung der Öko-Stadt wurde mittlerweile auf 2030 verschoben, und dabei ist unklar, ob das Ziel der Emissionsfreiheit überhaupt erreicht werden kann.

Städte schädigen die Umwelt in unbeschreiblichem Maße. Sie generieren 70 Prozent der weltweiten Treibhausgase und einen großen Teil des Mülls. 80 Prozent der städtischen Bevölkerung weltweit ist Feinstaubwerten ausgesetzt, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als gesundheitsgefährdend bezeichnet. Eine nachhaltige Entwicklung von Städten ist unausweichlich, um diese Probleme zu lösen.

Masdar als Inspiration

Daher wäre es auch ein Fehler, das Projekt Masdar als völligen Unsinn abzutun. Seine Ziele, die ausgeklügelte Architektur und die Technologien für urbane Nachhaltigkeit werden weiterhin als Muster und Inspiration für Metropolen dienen, die mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts kämpfen. Herausragend ist zum Beispiel der gigantische 100-Megawatt-Solarpark, der 175.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einspart. Oder der 45 Meter hohe Windturm, der für eine kühle Brise in den Straßen sorgt.

Experten für die Planung nachhaltiger Städte plädieren dafür, Städte als lebende Organismen zu sehen. Das Skelett ist die Architektur, die aderartige Struktur sind Straßen und Brücken, und das Verdauungssystem bilden Läden und Restaurants. Das Skelett von Masdar City basiert auf einer relativ niedrigen Bauweise von bis zu fünf Stockwerken, einer hohen Verdichtung, Energieeinsparungen bei Transport, Heizung und Klimaanlagen. Es wird versucht ein lebendiges urbanes Umfeld zu schaffen, das Industrie und Kultur vereint. Masdars Gefäßsystem ist geprägt von traditionellem arabischem Design mit schattigen Wegen und engen Straßen kombiniert mit Solarüberdachungen und schafft so eine angenehme Atmosphäre im heißen Wüstenklima.

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Nicht nur in Abu Dhabi wird an innovativen Ideen für den Städtebau gearbeitet. Für den niederländischen Architekten Koen Olthius muss die Stadt der Zukunft nicht unbedingt auf Land gebaut sein. Sie könnte auch auf dem Wasser schwimmen oder sich auf Wasser und Land verteilen. Konzepte für ganze schwimmende Stadtviertel sind bereits in Planung. Ideen hat Olthius viele, seine einfachste könnte die wertvollste sein: Schiffscontainer auf Pontons. Die ersten dieser sogenannten Floating City Apps sind bereits gebaut und werden demnächst in Bangladesch installiert. Diese Container können beispielsweise als Unterrichtsräume, Arztpraxen oder auch Müllsammelstellen für Slum-Bewohner dienen.

Smarte Autobahnen und Salatanbau in der Metro

Der niederländische Designer Daan Roosegaarde denkt nicht wie Olthius das Skelett, sondern das vaskuläre System von Städten neu. Er arbeitet noch daran, wie er Biolumineszenz nutzen kann, um klassische Straßenlaternen zu ersetzen. Seine „smarte Autobahn”, die Informationen mit Beleuchtung verbindet, wird in den Niederlanden bereits erprobt. Neben einer leuchtenden Fahrbahnbegrenzung, die sich tagsüber auflädt und nachts strahlt, gibt es gemalte Schneeflocken auf der Straße, die bei Glättegefahr aufleuchten.

Zu einem nachhaltigen Stadtleben gehören auch die Produktion und der Konsum von Nahrungsmitteln. Das Berliner Unternehmen Infarm zählt zu den Pionieren der vertikalen Landwirtschaft, vor allem Blattgemüse wird in großen Hallen in der Hauptstadt hydroponisch angebaut. Diese lokale Anbauweise spart Wasser, Dünger und Pestizide sowie Transportkosten. Im Metro-Großmarkt in Berlin-Friedrichshain hat Infarm sogar eine Anbaufläche installiert, wo die Käufer direkt ernten können.