Edmond de Rothschild über Protektionismus Hat die Deglobalisierung begonnen?

Philippe Uzan, Investmentchef von Edmond de Rothschild

Philippe Uzan, Investmentchef von Edmond de Rothschild

Sei es von der Regierung des neuen US-Präsidenten Trump, von populistischen Staatsoberhäuptern oder auch Wahlkandidaten aus Industrieländern, ist das Wort „Protektionismus“ in den letzten Monaten wieder in vielen Münden.

Gleichzeitig beobachtet man zum ersten Mal seit Mitte der Achtzigerjahre eine Abnahme des Welthandelsvolumens, erklärt Philippe Uzan, Chief Investment Officer bei Edmond de Rothschild Asset Management, in seinem aktuellen Marktkommentar „In the Spotlight“.

Was heißt das? Wird der Freihandel neue Verfechter bekommen? Stehen wir vor einer Wende des Weltwirtschaftssystems, die noch stärker sein könnte, als direkt nach dem Zweiten Weltkrieg oder nach den Ölkrisen in den Achtzigerjahren?

Rückgang des Welthandels?

Dieser Abschwung ist zum einen auf das verlangsamte Wirtschaftswachstum in China zurückzuführen, zum anderen vor allem auf die Neugestaltung der Globalisierung: Die Produktionsmodelle, Marktanteile und Marktteilnehmer, Nachfrage sowie Handelsbedingungen haben sich so rasant verändert, dass die Globalisierung in den letzten 15 Jahren neue Richtungen und Formen angenommen hat. „Die Öffnung nationaler Grenzen, niedrigere Transportkosten und Zölle haben große Konzerne und ihre Zulieferer zu einer Änderung ihrer Strategie ermutigt. Das traditionelle nationale Produktionsmodell ist ersetzt worden durch ein System von internationalen Industriesektoren, das auf der Aufteilung von Zuständigkeiten entlang der Wertschöpfungskette basiert“, so Philippe Uzan.

Diese so genannte vertikale Spezialisierung erklärt auch weitgehend, warum der Welthandel in den letzten 30 Jahren schneller zugenommen hat als das weltweite Bruttoinlandsprodukt.

Auf dem Weg zur Deglobalisierung?

Gekoppelt mit der aktuellen Infragestellung der seit dem Zweiten Weltkrieg durch große multilaterale Abkommen herrschenden Welthandelsordnung, deute dies darauf hin, dass die Weltwirtschaft vor einer Zeit großer Veränderungen, wenn nicht sogar vor der Deglobalisierung, stehen könnte.
 „In vielen Industrieländern ist die Globalisierung allmählich zu einer wichtigen politischen und sozialen Debatte geworden. Lange Zeit war sie die Zielscheibe antikapitalistischer Kräfte. Inzwischen ist die Globalisierung aber Kernbestandteil verschiedenster nationalistischer Plattformen, welche die Globalisierung für die ungleiche Vermögensverteilung in der Mittelschicht westlicher Länder, die hohe Arbeitslosigkeit und einen langsameren Anstieg von Löhnen und Gehältern verantwortlich machen“, sagt der Edmond de Rothschild-Experte.

Die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen in den USA und des Brexit-Referendums in Großbritannien weisen auf jeden Fall in diese Richtung.

Neue Verfechter des Freihandels

Aber die globalisierte Welt besteht längst nicht nur aus Industrienationen. Ironischerweise könnte ein Wiederaufleben des Protektionismus, vor allem in den USA, einen Widerstand von anderen Akteuren und Ländern auslösen. „Es wäre für die USA riskant, darauf zu setzen, dass ihre Partner nicht reagieren und nicht versuchen werden, einen gewissen gemeinsamen Widerstand zu organisieren“, so Uzan.

Zwei Beispiele weisen daraufhin: Länder wie Mexiko, die von Trump besonders scharf angegriffen wurden, haben bereits Kontakt zur Europäischen Union (EU) aufgenommen. Als weltweit größter Binnenmarkt und Exporteur ist die EU natürlich interessiert. Außerdem mache die Veränderung der US-Handelspolitik den Weg für chinesische Projekte frei: Chinas Präsident Xi Jinping verteidigte zum Beispiel in seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im vergangenen Januar einen multilateralen Ansatz für den Freihandel und sagte, dass es in einem Handelskrieg keine Gewinner gebe.