"Es geht mit steigendem Tempo in Richtung Fiskalunion"

Thomas Querg, Vorstand bei Focam

Thomas Querg, Vorstand bei Focam

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„In welche Richtung wir uns auch bewegen, manchmal müssen wir mit dem Wind segeln, und manchmal gegen den Wind. Aber segeln müssen wir, und nicht treiben, noch am Anker liegen.“ (Oliver Wendell Holmes) Früher hieß es: „Politische Börsen haben kurze Beine.“ Diese Zeiten sind vorerst vorbei. Inzwischen sind die Beine länger geworden und die Entscheidungen und vor allem Nichtentscheidungen der Regierungen müssen laufend berücksichtigt werden, da sie großen Einfluss auf die Marktentwicklung haben. Die Erfahrungen der letzten zwei Jahre zeigten, dass die Aktienmärkte dazu neigen, vor politischen Gipfelbeschlüssen anzusteigen, nur um nach einem Gipfel die aufgelaufenen Gewinne wieder abzugeben. Die eigentliche Unternehmensberichterstattung trat häufig in den Hintergrund.

Das Jahr 2011 war ein Jahr der Schaukelbörse und es war für Aktionäre im Resultat ein negatives Jahr. Der Euro STOXX 50 erlitt 2011 acht zwischenzeitliche Kursstürze von 10% oder mehr. Aber der Index legte im gleichen Zeitraum auch acht Kursanstiege von mindestens +10% auf das Parkett. Dieser permanente Stimmungswechsel zwischen Risikobereitschaft und -aversion zerrte am Nervenkostüm der Anleger. Am Ende von 2011 liegt die Jahresperformance des Euro STOXX 50 bei -18%. Deutschland schnitt mit einem DAX von -15% nicht viel besser als Europa ab. Gleiches gilt für japanische Aktien (Nikkei: -17%), die durch die Katastrophe von Fukushima belastet waren.

Am besten entwickelten sich US-amerikanische Aktien (S&P 500: 0% und Dow Jones Index: +6%) und die Verfechter der Theorie, dass sich alle Märkte im Gleichlauf entwickeln und miteinander verbunden sind (positive Korrelation) sind in diesem Fall zumindest auf dem falschen Fuß erwischt worden. Auf europäischer Branchenebene wurden Investoren mit Bank- (-33%), Rohstoff- (-30%) und Autoaktien (-24%) mit heftigen Verlusten bestraft. Die drei Branchen Pharma (+12%), Nahrungsmittel (+5%) und Energie (+1%) brachten dagegen zumindest ein leichtes Plus ein. Auch im Falle der Sektoren zeigt sich also, dass eine breite Streuung (Diversifikation) und die Vermeidung bestimmter Branchen immer noch sinnvoll ist. Aktienmärkte der Schwellenländer litten am stärksten unter der Euro-Krise
 
Auffällig war, dass nicht etwa der europäische Markt am meisten unter der Eurokrise und den Rezessionsängsten gelitten hat, sondern die Aktienmärkte der Schwellenländer. Der Preisindex MSCI Emerging Markets hat dieses Jahr 21% verloren. Dies mag überraschen, da diese Länder vis-à-vis der Industrieländer eigentlich in einer komfortablen Ausgangslage sind. Sie weisen weniger Schulden auf, haben oftmals Überschüsse in der Leistungsbilanz und auch die Wirtschaft wächst stärker. Auch die dicken Währungsreservepolster sind ein Pluspunkt der Region.

Doch das Offensichtliche und Modische ist an der Börse nicht immer das Richtige, wie ein Blick auf die Preisentwicklung des vergangenen Jahres zeigt. Bereits in der ersten Jahreshälfte kamen viele Emerging Markets nicht so recht in Schwung, weil die Notenbanken wegen der Überhitzungsanzeichen und der Inflationsprobleme auf die Bremse treten mussten. Nach dem Investitionshunger in 2009 und 2010, als die Anleger kräftig in die Emerging Markets investiert hatten, hatte sich das Blatt nun gewendet. Die Mittelabflüsse aus den sogenannten Schwellenländern sind in 2011 sogar stärker ausgefallen als im Krisenjahr 2008.