Eugen Weinberg: „Wir haben eine neue Rohstoffblase“

Eugen Weinberg

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DAS INVESTMENT.com: Einige Blogger im Internet finden es überhaupt nicht lustig, dass die Bank JP Morgan so hohe Derivate-Positionen auf Gold hält. Sie vermuten, dass sie den Kurs durch sehr hohe Short-Positionen künstlich tief halten will. Eugen Weinberg: Das kommt mir bekannt vor. Schon 2002 haben viele Goldanhänger JP Morgan und den Goldförderer Barrick Gold wegen hoher Verkaufspositionen angezählt. Wenn Gold über 330 Dollar pro Unze steigt, gehen beide Pleite, hieß es.
DAS INVESTMENT.com: Was sie beide nicht taten. Warum sollte JP Morgan an einem niedrigen Goldpreis interessiert sein?

Weinberg: Ich weiß es nicht. Das ergibt für mich keinen tieferen Sinn, denn Banken handeln in erster Linie wie normale Anleger zu ihrem eigenen Vorteil. Sie verfolgen keine Prinzipien. Diejenigen, die an einem tiefen Goldpreis interessiert sein könnten, sind die Goldhändler und vielleicht die Zentralbanken.

DAS INVESTMENT.com: Warum die Zentralbanken?

Weinberg: Zum einen, weil ein hoher Goldpreis auf eine hohe Inflation hindeuten könnte, und die wollen die Zentralbanken vermeiden. Zum anderen, weil der steigende Goldpreis ein Ausdruck des Misstrauens der Marktteilnehmer gegenüber dem „Produkt“ der Zentralbanken, Papiergeld, ist.

DAS INVESTMENT.com: Jetzt mal angenommen, JP Morgan würde wirklich hohe Short-Positionen halten. Wie können diese Kontrakte den Preis des echten Goldes überhaupt beeinflussen? Es sind doch verschiedene Märkte.

Weinberg: Die Futures-Märkte sind eng mit den physischen Märkten verbunden, weil zum Verfallsdatum der Käufer auf eine physische Auslieferung bestehen kann. Das kommt allerdings selten vor. Nicht nur bei Gold, sondern auch für andere Rohstoffe, werden die Preise an Futures-Märkten festgelegt. So werden seit Ende der 80er Jahre auch die Preise für die meisten Ölgeschäfte von den Terminbörsen bestimmt. An diesen Märkten gelten aber oft andere Regeln als in der Realwirtschaft. Ein gutes Beispiel ist der 22. September 2008. Da stieg der WTI-Ölpreis binnen weniger Stunden von rund 100 Dollar pro Barrel auf 130 Dollar. Wissen Sie, was damals passiert ist?

DAS INVESTMENT.com: Keine Ahnung.

Weinberg: Gar nichts. Keine Piraten, keine Hurrikans, keine Bankenpleite, nichts. Nur der WTI-Future für Oktober war an diesem Tag verfallen. Und ein Marktteilnehmer, der auf fallende Kurse gewettet hatte, hatte sich offensichtlich verspekuliert und musste sich eindecken. Der Markt hat davon Wind bekommen und da er praktisch zu jedem Preis kaufen musste, ist der Preis um 30 Prozent gestiegen. Am nächsten Tag notierte der „Ölpreis“ – diesmal für einen November-Future, weil der Kontrakt rollierte – erneut bei 105 Dollar.

DAS INVESTMENT.com: Macht Sie so ein Blödsinn nicht manchmal wütend?

Weinberg: Ja, weil ich mich als fundamentaler Analyst dann auch hilflos fühle. Angebot und Nachfrage von physischen Gütern machen inzwischen nur noch einen kleinen Teil der Materie aus. Gerade die vielen Anleger machen den Markt in kurz- bis mittelfristiger Perspektive sehr schwer berechenbar. Der Schwanz wackelt mehr und mehr mit dem Hund.