Euro-Schuldenkrise: „Ein langer und zäher Prozess“

Clemens Fuest

Clemens Fuest

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Frage: Herr Professor Dr. Fuest, Sie sind seit März diesen Jahres Präsident des ZEW. Zuvor haben Sie fünf Jahre als Forschungsdirektor am Centre for Business Taxation an der renommierten Saïd Business School der Universität Oxford gearbeitet. Was hat Sie bewogen, von der Finanzmetropole London ins beschauliche Mannheim zu wechseln?

Clemens Fuest: Ich habe gerne in Oxford gearbeitet, aber die Aufgabe, mit dem ZEW eines der führenden Forschungsinstitute in Deutschland und Europa zu leiten, ist sehr reizvoll. Am ZEW und an der Universität Mannheim herrscht eine Aufbruchstimmung, die mir sehr gut gefällt. Hinzu kommt, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft der Eurozone bei der Überwindung der Eurokrise und der Reform der europäischen Institutionen eine Schlüsselrolle spielt. Da ist es spannend, nahe dran zu sein.

Frage: Was vermissen Sie aus Ihrer Zeit in Oxford am meisten?

Clemens Fuest: Zeit, in Ruhe nachzudenken.

Frage: Sie gelten als ein ausgesprochener Experte für Staatsfinanzen. Was reizt Sie so sehr an diesem Forschungsschwerpunkt?

Clemens Fuest: Die Staatsfinanzen spielen in modernen Volkswirtschaften eine zentrale Rolle, nicht nur für das Funktionieren des Staates, sondern für die gesamte Wirtschaft. Staatliche Leistungen betreffen jeden, Steuern ebenfalls. Das macht das Thema für mich spannend.

Frage: Zu Ihren aktuellen Forschungsthemen zählt unter anderem die Schuldenkrise im Euroraum. Wie konnte es zu dem ganzen Dilemma eigentlich kommen?

Clemens Fuest: Die Einführung des Euro hat die Kapitalmärkte in Europa grundlegend verändert und in den Peripheriestaaten der Eurozone sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor einen Kreditboom ausgelöst. Dieser Boom hat zur Überschuldung von privaten Haushalten, Banken und ganzen Staaten sowie Verwerfungen an den Arbeitsmärkten geführt. Dass das geschehen konnte, hat unter anderem mit Versäumnissen der Politik im Bereich der Finanzmarktregulierung und der Finanzpolitik zu tun.

Frage: Hat die Politik bei der Schuldenkrise versagt?

Clemens Fuest: Es ist richtig, dass bei der Gründung der Eurozone massive wirtschaftspolitische Fehler begangen wurden, vor denen viele Ökonomen damals gewarnt haben. Die Politik hat diese Warnungen ignoriert, die Verschuldungskrise ist die Quittung dafür. Ich erwarte weder ein spektakuläres Aufflammen der Schuldenkrise noch eine schnelle Erholung.

Frage: An den Kapitalmärkten scheint die Euro-Schuldenkrise aufgrund der „Blankogarantie“ der EZB in den Hintergrund geraten zu sein. Ist die Krise denn schon bald vorüber oder handelt es sich um die Ruhe vor dem Sturm?

Clemens Fuest: Nichts von beidem. Ich erwarte weder ein spektakuläres Aufflammen der Krise noch eine schnelle Erholung. Wir müssen eher mit einem lang andauernden und zähen Prozess der wirtschaftlichen Anpassung rechnen. Darunter leiden werden vor allem die Arbeitslosen in den Krisenstaaten.

Frage: Im politischen Europa wird derzeit über einen zweiten Schuldenschnitt für Griechenland diskutiert. Ist ein erneuter Haircut für die EU überhaupt tragbar?

Clemens Fuest: Klar ist, dass die Staatsverschuldung für Griechenland ohne weitere Entlastungen nicht tragbar ist. Ob diese Entlastung in Form eines Haircuts oder in Form einer weiteren Zinssenkung und Laufzeitverlängerung kommt, muss man abwarten. Ohne weitere Zugeständnisse wird es jedenfalls nicht gehen.

Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass die Eurozone doch noch auseinanderbricht?

Clemens Fuest: Ob einzelne Mitgliedstaaten der Eurozone ihre Schulden restrukturieren müssen oder nicht, hat mit dem Fortbestand der Eurozone eigentlich wenig zu tun. Zu einem Auseinanderbrechen könnte es kommen, wenn es nicht gelingt, die Arbeitslosigkeit in Südeuropa in den nächsten Jahren spürbar zu senken. Dann könnten dort politische Kräfte die Oberhand gewinnen, die den Euro verlassen wollen.

Frage: Trotz der ultralockeren Geldpolitik gibt es kaum Inflation. Warum eigentlich?

Clemens Fuest: Angesichts der niedrigen Zinsen und der hohen Preise von Aktien und anderen Vermögensgütern ist es derzeit attraktiv, viel Liquidität zu halten. Wenn die Konjunktur sicherholt, kann sich das schnell ändern.